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Die männlichen Pfauen tragen die Argusaugen mit Stolz.

Kolumne

Chimäre mit Argusaugen

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Wenn Mischwesen die Mythenwelt verlassen, dann ist Skepsis nötig. Welche Kräfte wecken wir da? Die Samstagskolumne.

Schuld ist eigentlich Hera, die eifersüchtige Gattin des Göttervaters Zeus. Sie zauberte die Augen des Argus auf die langen, schillernden Schwanzfedern der Pfauenhähne. Das war ihr posthumer Dank an den hundertäugigen Riesen, den sie beauftragt hatte, ihre Liebesrivalin Io zu beobachten. Dazu war Argus prädestiniert, weil einige seiner vielen Augen immer auf Empfang blieben, während andere schliefen.

Diese permanente Vielaugenspionage konnte sich Zeus natürlich nicht gefallen lassen und befahl daher dem Götterboten Hermes, Argus die Kehle durchzuschneiden, was dieser erfolgreich umsetzte. Hera verewigte die Argusaugen dann in den Vogelfedern, und die männlichen Pfauen tragen sie mit Stolz bis heute.

Diese schmuckvollen Hühnervögel gehören in Schlossparks und Zoologischen Gärten zum Standardinventar. Wenn die Hähne ihr Rad schlagen, klicken die Auslöser von Kameras und Handys tausendfach und die Argusaugen schillern im Sonnenlicht in mehr als nur allen Farben des Regenbogens.

So beeindruckend das Imponiergehabe und Fotos davon auch sein mögen, könnten sie doch auch Anlass werden, über die Argusaugen und ihre mögliche Bedeutung in der Jetztzeit nachzudenken.Wie praktisch wäre es doch, wie Argus ohne Unterbrechung und ohne Ermüdungserscheinungen beobachten zu können, was sich in der Welt so tut und zu erkennen, wo sich eine Gefahr abzeichnet.

Da eröffnen sich in der japanischen Forschung ganz aktuell völlig neue Notwendigkeiten. Zwar werden in der medizinischen und genetischen Forschung schon länger menschliche und tierische Zellen miteinander verschmolzen. Nun sollen die daraus entstehenden Mischwesen aber – und das ist neu – bis vor der Geburt heranwachsen dürfen. Dann müssen sie zwar abgetötet werden. Erst einmal. Doch schon dieser Schritt bedeutet das Einreißen einer ethischen Barriere, das bisher kaum denkbar war.

Klingt es nicht schon zynisch, erst einmal neuartige Lebensformen zu schaffen, um sie dann sozusagen rechtzeitig abzutöten? Aber das ist sowieso wohl nur eine Zwischenstufe. Ist die Entwicklung erst einmal eingeleitet, könnte es nur eine Frage der Zeit und von weiter zusammenbrechenden ethischen und juristischen Grundsätzen sein, bis solche Wesen dann auch geboren werden dürfen.

Das offiziell proklamierte hehre Endziel ist die Herstellung menschlicher Organe in Tieren für die anschließende Transplantation in Menschen. So könnten Schweine künftig zu Produzenten und Lieferanten menschlicher Organe werden. Da die eingepflanzten menschlichen Stammzellen sich ganz unterschiedlich differenzieren können, ist nicht auszuschließen, dass Tiere mit Menschenzellen im Gehirn entstehen. Was alles möglich ist beziehungsweise was in Zukunft alles schief gehen kann, ist kaum abschätzbar. Befürworter feiern die revolutionären Möglichkeiten, Gegner sind entsetzt über den Zusammenbruch ethischer Grenzziehung zwischen Mensch und Tier. Und über den erneuten Missbrauch von Tieren.

Insbesondere heißt es nun, genau hinzusehen und zu beobachten, wo diese Entwicklung hinführen wird. Dazu mit den neuen Methoden eine alles sehende Chimäre namens Argus zu erschaffen, wäre ziemlich widersprüchlich und kaum zielführend.

Es müssen schon Menschen sein, die wachsam bleiben und diese höchst problematische Forschungstendenz mit Argusaugen verfolgen.

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