Rezession

Chance im Abschwung

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Auf Deutschlands Wirtschaft kommen unruhige Zeiten zu. Heils „Arbeit-von-morgen-Gesetz“ ist eine erste Antwort auf neue Herausforderungen.

Plötzlich wandelt sich das Bild. Eben noch schien alles darauf hinzudeuten, dass sich das deutsche Jobwunder fortsetzen, die Beschäftigung weiter zunehmen würde. Doch nun mehren sich Anzeichen für Abschwung und ein vorläufiges Ende der guten Zeiten. Kommen noch Negativ-Einflüsse von außen hinzu, ein harter Brexit etwa oder eine weitere Zuspitzung des Handelsstreits zwischen USA und China, könnte sich das Ganze schnell zu einer veritablen Krise auswachsen.

Wenn an diesem Mittwoch die Wirtschaftszahlen fürs zweite Quartal veröffentlicht werden, wird sich wohl zeigen, dass die Bundesrepublik auf eine Rezession zusteuert. Teile der Industrie sind bereits mittendrin. Ungewöhnlich ist das nicht. Ungewöhnlich war eher, dass Deutschland so lange davon verschont geblieben ist. Die Jahre seit dem letzten großen Wirtschaftseinbruch 2008 waren goldene Jahre – mit Rekordbeschäftigung, sinkender Arbeitslosenzahl und verführerisch viel Geld bei Rentenversicherung, Krankenkassen, Gesundheitsfonds und Arbeitsagentur. Jahre, in denen Sozialleistungen kräftig ausgeweitet wurden, und sich viele der Illusion hingaben, es werde so weitergehen.

Das, was jetzt bevorsteht, wäre mit konjunktureller Eintrübung nur unzureichend beschrieben. Es wird in nächster Zeit kräftig ruckeln in Deutschlands Wirtschaft, mit weitreichenden Folgen für Millionen Beschäftigte und womöglich auch für die Sicherheit ihrer Jobs. Die aktuellen Meldungen über Auftrags- und Produktionsrückgänge sowie einbrechende Exporte sind Vorboten einer Entwicklung, deren Dimension sich bisher nur erahnen lässt.

Was längst feststeht: Ganze Branchen müssen sich neu erfinden, um ihren Untergang zu verhindern. Namhafte Unternehmen, die über Jahrzehnte für den Erfolg des Standorts Deutschland standen, brauchen neue Geschäftsmodelle. Das betrifft die Autobauer und ihre weit ausdifferenzierten Zulieferer genauso wie Banken, Versicherungen, Energiekonzerne. Der Wandel erfordert auch anders qualifizierte Arbeitnehmer.

Jede Krise kann auch eine Chance sein. Arbeitsminister Hubertus Heil hat nun Pläne für ein „Arbeit-von-morgen-Gesetz“ vorgelegt. Man kann den Begriff plakativ und mickymaushaft finden – geschenkt. Die Senkung der Hürden für konjunkturell bedingte Kurzarbeit ist jedoch geboten und dürfte eher früher als später benötigt werden.

Darüber hinaus ist das Gesetz ein Angebot an die Sozialpartner. Es bietet Geld für Qualifizierung und Sicherung von Jobs auch in Unternehmen, in denen sich gerade alles wandelt und harte Einschnitte ansonsten nur noch eine Frage der Zeit wären. Zur Wahrheit gehört aber, dass es unter den Anbietern auf dem Weiterbildungsmarkt auch schwarze Schafe gibt. Es gilt, die Angebote stärker auf die Fähigkeiten zuzuschneiden, die im betrieblichen Alltag wirklich benötigt werden.

Viele Studien sagen voraus, dass im Zuge des tiefgreifenden Wandels, vor dem wir stehen, unter dem Strich mehr Jobs entstehen als verloren gehen. Gerade in Zeiten, in denen so viel von Fachkräftemangel die Rede ist, besteht die große Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass das Gros der Beschäftigten von heute auch die Arbeit von morgen erledigen kann.

Dazu gehört eine Arbeitslosenversicherung, die sich nicht damit begnügt, wegfallenden Lohn für eine Zeit auszugleichen. Sie muss stärker präventiv tätig werden, indem sie stärker als bislang Weiterbildung finanziert und Beschäftigte ermutigt, diese Chance im eigenen Interesse zu nutzen.

Allerdings ist das Ganze nicht allein Aufgabe des Sozialstaats. Auch die Arbeitgeber müssen in die Pflicht genommen, Mitnahmeeffekte aufseiten der Wirtschaft vermieden werden. Die Gewerkschaften sollten Druck machen, neue Produkte und Qualifizierung einfordern, lange bevor Standorte zur Disposition gestellt werden.

Hoffnung macht eines: Die Sozialpartner in Deutschland können Krise. Sie haben es während des letzten großen Wirtschaftseinbruchs bewiesen. Allerdings werden die anstehenden Herausforderungen angesichts des unvermeidlichen Strukturwandels wahrscheinlich noch größer werden als während der tiefen, aber vergleichsweise kurzen Rezession in der Folge der großen Lehman-Pleite.

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