Wahlplakat der CDU-Rheine in Rheine.
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Wahlplakat der CDU-Rheine in Rheine.

Familie wird vor Ort gemacht

Warum die Rheine-CDU Kinder unbedingt vor Ort machen will

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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Im Wahlkampf werben Parteien um potentielle Wähler*innen. Da kann es passieren, dass eine Partei zu mehrdeutigen Botschaften greift. Wie die CDU in Rheine.

Rheine ist ein 80.000-Seelen-Ort im äußersten Westen der Republik, Regierungsbezirk Münster. Am 13. September wird ein neuer Bürgermeister und Gemeinderat gewählt, 2014 noch hatte die CDU die Kommunalwahl klar für sich entscheiden können. Mit 45,9 Prozent war sie an den konkurrierenden Sozialdemokraten (30,0) vorbeigezogen, das soll ihr nun auch 2020 gelingen. Und das Wahlkampf-Team leistet ganze Arbeit.

Rheine reine machen? CDU Rheine macht Wahlkampf

„Gemeinsam.Rheine.Machen.“ scheint eines der Kernmottos auf dem Wahlplakat der Christdemokraten. Die appellieren damit an die Deutungskompetenz ihrer potenziellen Wählerschaft, finden sich doch hier zwei mögliche Interpretationsebenen. Zunächst einmal wirbt die CDU damit, die Stadt Rheine zu „machen“. Das ist zwar etwas unelegant, aber als hemdsärmliger Gegenpart zum Allzeit-und-überall-„Gestalten“ zu verstehen, das Teil des sprachlichen Zwangs-Repertoires von allen Politiker*innen scheint. In Rheine wird also gemacht oder geschafft und nicht gestaltet, bzw. Rheine wird gemacht und zwar gemeinsam und ausschließlich von der CDU.

Dann wäre da noch die zweite Ebene: Rheine nämlich r(h)ein machen, also sauber, im Sinne von „aufräumen“. „Wir machen gemeinsam reine – und zwar Rheine“ – so in etwa ließe sich das übersetzen, was ein Appell an den Ordnungssinn der Bürger*innen und eventuell auch an ihren grünen Daumen sein könnte. Um die Ecke gedacht wäre dies ein kleiner Verweis auf das Grüne, rein in Anlehnung an blühende Landschaften (Helmut Kohl) anstatt Armut und Müll. Die Law-and-Order-Assoziation von wegen Rhein = rein = aufräumen – also den Laden (Rheine) mal ordentlich aufräumen – scheint mir maximal im Subtext angelegt.

Gemeinsam Kinder machen - Wen meint die Rheine-CDU mit gemeinsam?

Aber die Rheine-CDU kann durchaus noch kreativer. „Gemeinsam. Kinder. Machen. Familie wird vor Ort gemacht.“ Wow. Das ist mal eine Ansage auf einem Wahlplakat – auch hier unter Anwendung des Stilmittels der Mehrdeutigkeit. Die erste Lesart nimmt sich ähnlich zum oben besprochenen Slogan aus. Das „Gemeinsam“ ist nicht in direktem Bezug zu den Kindern und dem „Machen“ zu verstehen, wobei hier „gestalten“ synonym gelesen werden kann. Also „Wir von der CDU machen (gestalten) unser Rheine extra und ganz besonders für Kinder“. Bei der gemachten „Familie vor Ort“ taugt der christdemokratische Gestaltungswille sprachlich wenig; sich vorzustellen, dass die CDU Familien vor Ort gestaltet, weckt ein gruseliges Bild. Es dürfte ein „ermöglichen“ parallel gedacht worden sein, auf dass Familien nicht ins nächstgelegene Steinfurt auswandern.

Allerdings, und da sollten sich die Damen und Herren Christdemokrat*innen aus Rheine mal nichts vormachen, liegt die zweite Lesart, die eigentlich die erste ist, natürlich viel näher. Die CDU will schlicht gemeinsam Kinder machen. Die, und das ist mit dem „wird“ im Befehlston angelegt, zwingend vor Ort GEMACHT werden. Hier ist das „machen“ als machen im Wortsinn zu verstehen.

Wahlkampf bei der CDU „Gemeinsam Kinder vor Ort machen“ assoziiert gefährlich mit altem AfD-Slogan

Doch worauf will die CDU hinaus? Es könnte eine wenig subtile Sexualisierung des Politischen in den düsteren Corona-Zeiten sein, wo körperlicher Abstand das Gebot der Stunde ist. Allerdings, und das lässt aufhorchen, ist jene Gemeinsamkeit auf potenzielle CDU-Wähler*innen der Stadt Rheine reduziert. Oder ließe sich das weiter auch auf CDU-Wähler*innen beispielsweise aus Münster fassen, Hauptsache, die Familie wird vor Ort, also in Rheine, und von CDU-Wähler*innen gemacht?

Ebenso unscharf ist die Bedeutung des „Gemeinsam“. Im normativ-wertkonservativen Sinne macht man Kinder für gewöhnlich zu zweit. In jenes „Gemeinsam“ scheint zumindest die Hilfestellung mehrerer christdemokratischer Personen – in welchen Rollen auch immer – angelegt. Gleichzeitig assoziiert das ‚gemeinsam Kinder vor Ort machen‘ gefährlich mit dem alten AfD-Slogan, die „Neue Deutsche ... selber machen“ wollen. Denn auch in Rheine ist das Kindermachen an einen bestimmten Personenkreis und Ort gekoppelt. Apropos Kinder von einem bestimmten Personenkreis. Was wollte Jürgen Rüttgers seinerzeit mit seiner „Kinder statt Inder“-Kampagne? Richtig, Kinder machen und zwar vor Ort.

Im Text sind also durchaus verschiedene Botschaften versteckt und es obliegt analog zur Interpretation einer zarten Lyrik der Leserin, die für sich stringente herauszufiltern. (Von Katja Thorwarth)

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