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Leitartikel

Bundestagswahl 2021 - Wer taktisch wählt, geht ein Risiko ein

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Wer kann mit wem? Was sagen die Umfragen? Interessante Fragen, aber Demoskopie ist keine gute Ratgeberin für Wahlentscheidungen. Der Leitartikel.

Frankfurt/Berlin - So, die „Trielle“ haben wir hinter uns und die Umfragen, die immer auf dem Fuße folgten, auch. Noch während der Talkshow danach wurden uns die Eindrücke und Vorlieben „der Deutschen“, also unsere, präsentiert, und nicht nur das: „Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre …“ lasen wir fast täglich und ein Höhepunkt war sicher die Nachricht, die die Zeit in der vergangenen Woche verbreitete: „40 Prozent der Deutschen vertrauen Wahlumfragen nicht“. Wer das herausgefunden hatte? Na sicher, ein Institut, das sonst ständig Wahlumfragen macht.

Nun ist am 26. September wirklich Bundestagswahl 2021, und hier ist eine Empfehlung, wenn auch natürlich nicht für eine bestimmte Partei: Machen Sie doch mal etwas ganz Verrücktes! Schauen Sie in die Programme der Parteien, oder fragen Sie zumindest den Wahl-o-Mat! Und dann, jetzt kommt’s: Machen Sie das Kreuz bei denen, die am meisten von dem versprechen, was Sie betrifft und/oder interessiert. Wenn Sie nun sagen, das sei doch das Normalste der Welt, dann haben Sie zwar einerseits recht, aber andererseits in den vergangenen Wochen einiges verpasst.

Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD, l-r), Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Bündnis90/Die Grünen) und Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) beim vorangegangenen Triell.

Bundestagswahl: Personalisierung prägt sich immer stärker aus

Da war zum einen die Personalisierung, die sich von Wahlkampf zu Wahlkampf noch stärker auszuprägen scheint. Die schulterzuckende Feststellung, die Leute wählten nun mal Personen und nicht Programme, ist inzwischen zum kaum noch hinterfragten Standard geworden. Nun wird niemand bestreiten, dass Glaubwürdigkeit, Charisma und charakterliche Eignung für höchste Ämter mit Recht eine Rolle spielen. Aber die Frage, wofür genau jemand als Bundeskanzlerin und Bundeskanzler diese Eigenschaften einsetzen würde, verschwindet dann doch viel zu oft hinter Plakatfloskeln wie „Respekt“, „gemeinsam“ oder „bereit“.

Das führt zur zweiten problematischen Beobachtung: Das Übergewicht der „Performance“ macht es den Kandidierenden auch leichter, Offenheit nach allen Seiten zu demonstrieren. Irgendwie regieren können, egal mit wem, das ist dann wichtiger als eine klare Richtungsangabe. Wer will schon die ominöse „Mitte“ mit klaren Ansagen verschrecken?

Vielleicht erklärt sich gerade damit ein weiteres Umfrageergebnis, diesmal verbreitet von der Deutschen Presse-Agentur: 43 Prozent der Befragten finden den Wahlkampf langweilig oder gar „sehr langweilig“. Für „äußerst spannend“ oder „eher spannend“ entschieden sich nur 20 Prozent. Und aus einer besonders schönen Zahl lässt sich wohl mehr über den Sinn mancher Umfragen lernen als über die wahre Befindlichkeit der deutschen Bevölkerung: Rund 29 Prozent finden den Wahlkampf weder spannend noch langweilig, was immer das bedeutet. Und das sind wohlgemerkt andere als jene sieben Prozent, die lieber gar nicht urteilen wollten.

Bundestagswahl: Entscheiden sollen Inhalte - und nicht Koalitionswünsche

Ob Umfrage nach Umfrage oder das Abfragen von Langeweile: Das mögen besonders skurrile Beispiele einer inflationären Demoskopie sein. Auch sonst aber sollte der tägliche Zahlenregen niemanden verleiten, die eigene Wahlentscheidung daran auszurichten. Die Fehlertoleranz ist in Zeiten zurückgehender Parteibindungen relativ hoch. Und das fällt natürlich umso mehr ins Gewicht, je knapper das Ergebnis am Ende ausfällt. Dass uns die Demoskopie nicht mehr zu sagen hat, ist nicht die Schuld der Institute, die die Daten erheben. Aber es mindert deren Bedeutung für uns Wählerinnen und Wähler.

Viel ist in diesen Tagen von taktischer Stimmabgabe zu hören: Wohin mit meinem Kreuzchen angesichts einer Vielzahl von Koalitionsmöglichkeiten? Muss ich SPD wählen, wenn ich Olaf Scholz als Kanzler will? Oder die Linke, damit die Chancen für Rot-Grün-Rot steigen? Oder gerade nicht, damit SPD und Grüne vielleicht zu zweit regieren können? Wähle ich, wenn ich eine Jamaikakoalition bevorzuge, einfach die CDU oder doch die Grünen, damit sie der Union und der FDP in der Regierung mehr Klimaschutz beibringen?

Überlegungen dieser Art mögen entscheidend gewesen sein, als eine Stimme für diese oder jene Partei fast automatisch auch eine bestimmte Koalition bedeutete: ganz früher Union oder SPD mit der FDP, dann Schwarz-Gelb oder Rot-Grün – basta.

Bundestagswahl: Wir wählen Abgeordnete, nicht Kanzlerin oder Kanzler

Heute haben wir einen Bundestag mit sechs Fraktionen aus sieben Parteien und niemand muss sich darüber beklagen: Schließlich könnten nur drei oder auch vier Parteien eine ausdifferenzierte Gesellschaft noch schlechter abbilden als das jetzige Parlament. Wir sollten uns also guten Mutes besinnen, dass wir Abgeordnete wählen und nicht eine Kanzlerin oder einen Kanzler, und uns für diejenigen entscheiden, die zumindest einigermaßen zu uns passen. Und wenn sie verlieren: Gute Opposition hat auch ihren Wert.

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Allerdings: Etwas leichter hätte die Politik es uns machen können. Personalisierung und Drängelei in der Mitte haben zentrale Bruchlinien zwischen unterschiedlichen ideologischen Ansätzen im Übermaß verwischt. Ein bisschen mehr „Lagerwahlkampf“ hätte die Wahrheitsfindung des Souveräns erheblich erleichtert. (Stephan Hebel)

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa-Pool/dpa

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