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Noch ist die Meisterschale eine begehrte Trophäe. Aber wie lange noch?

Bundesliga

Gespenst oder Fee? Eine neue Champions League würde die Bundesliga verändern

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Die Bundesliga würde viel verlieren, wenn die Pläne einer neuen Champions League wahr werden. Der Leitartikel. 

Es spukt ein Gespenst herum im deutschen Fußball. Es ist ein böser Geist und schleicht sich listig heran. Selbst das Wochenende ist kein Heiligtum mehr, das für immer und ewig geschützt bliebe für die gute alte Bundesliga.

An diesem Samstag könnte die 56. Saison ausnahmsweise mal wieder dramatisch enden, denn Borussia Dortmund sitzt dem FC Bayern so hartnäckig im Nacken wie seit sechs Jahren nicht mehr. Mönchengladbach, Leverkusen, Eintracht Frankfurt und der VfL Wolfsburg hecheln im Schneckenrennen nach den reichhaltig gefüllten Fleischtöpfen der Champions League auf Brusthöhe ins Ziel. Diese Champions League ist das Maß aller Dinge. Nur über die Königsklasse führt der Weg im globalisierten Fußball zur Wahrnehmung als Weltmarke und somit zu Reichtum und Spitzenstars.

Die nationalen Topligen aus England, Spanien, Italien und Deutschland wähnten sich mit ihrem Wettbewerb bislang geschützt. Nur die vier Besten einer Saison schaffen es in die Champions League. Doch damit soll bald Schluss sein. Zu wertvoll ist die Champions League, als dass die erfolgreichen Vermarkter des großen Fußballs nicht wagen würden, Stoppschilder zu missachten.

Glitzerprodukt Champions League wächst unaufhaltsam

Wenn es so weit käme, wie die immer mächtigere Europäische Klubvereinigung ECA mit dem Italiener Andrea Agnelli an der Spitze es sich ausgedacht hat, wäre bald nichts mehr, wie es war. Es ist ein Verteilungskampf um die Gunst von Sponsoren und Medienkonzernen, das Glitzerprodukt Champions League wächst unaufhaltsam.

Vom Jahr 2024 an, so die Pläne, soll das Gespenst Gestalt annehmen. 32 Mannschaften, 14 Gruppenspiele statt derzeit sechs für jedes Team, mehr Europa, mehr Elite, mehr Einnahmen. Und vor allem: ein weiterer Spreizschritt zum Closed Shop. 24 der 32 Teams sollen nicht mehr über den nationalen Wettbewerb qualifizieren. Der Spannungsabfall in der Bundesliga wäre noch größer, als er die vergangenen Jahre unter Regentschaft der Bayern ohnehin schon war.

Für die Bundesliga ist das ein Gräuel. Noch gehen die Planungen des Europäischen Verbandes nicht konkret dahin, die schillerndsten Marken aus dem hiesigen Wettbewerb komplett herauszulösen. Noch sind Bayern München und Borussia Dortmund nationale, europäische und globale Player, doch der nächste Schritt ist kein Hirngespinst von Phantasten mehr: eine Europaliga mit den Besten des Kontinents. Die Bundesliga ganz ohne den Riesen aus München? Eine Aussicht, die mehr Spannung an der Spitze verspräche als in den öden Jahren zuvor, die aber der Bundesliga den Glamourfaktor des Branchenführers stehlen würde.

Macht der Ligen ist geringer als die der Klubs

Für Christian Seifert, den Ligachef, sind all das Schreckensszenarien, gegen die sich der 50-Jährige stemmt. Aber die Macht der Ligen, das spürt auch Deutschland erster und klügster Fußballmann, ist geringer als die der großen, bestens miteinander vernetzten Klubs aus Turin, Madrid, Barcelona, Manchester, London, Liverpool und, ja, auch aus München und Dortmund.

Die Absetzbewegungen werden von den anderen deutschen Lizenzklubs seismografisch präzise wahrgenommen. Binnen sieben Jahren hat die Erste Bundesliga ihre Einnahmen auf fast vier Milliarden Euro verdoppelt, mit knapp 1,5 Milliarden Euro aus nationalen und weltweiten Medienerlösen (Bezahlfernsehen, Internetübertragungen, Free-TV) stößt sie aber an Erlösgrenzen. Ohne die schnellsten Vermarktungsvehikel aus München und Dortmund und ohne den Kampf um die europäischen Spitzenplätze würde sie heftig ausgebremst.

Aber, um ehrlich zu sein – es gibt nicht nur den einen Blick. Die Frage sei erlaubt: Würde sich die Generation der heute 20-Jährigen daran stören, regelmäßig zweimal pro Saison medial aufwändig aufbereitet Bayern München gegen Real Madrid präsentiert zu bekommen und dafür auf Bayern gegen Augsburg zu verzichten? Kann es sein, dass die Augen der Alten ein Gespenst sehen und die der Jungen eine schöne Fee?

Made in Germany ist im Fußball kein Markenzeichen von Topqualität mehr

Den besten Fußballsport bekommen die Menschen in den hier und dort nicht mehr gar so prall gefüllten Bundesligastadien ohnehin schon lange nicht mehr vorgesetzt. Der wird, mitsamt der besten Spieler und Trainer, in England und Spanien serviert. Im Nachwuchs ist Deutschland genauso abgehängt worden wie in der Champions League. Made in Germany ist im Fußball kein Markenzeichen von Topqualität mehr, die Besten der ersten Jahrgänge des neuen Jahrtausends kommen aus England, Frankreich, den Niederlanden und Spanien.

Immerhin: Niemand tut hierzulande noch so, als ob das bloß eine zu vernachlässigende Delle wäre. Jetzt gehen sie auf die Suche nach der verloren gegangenen Bolzplatzmentalität, wenn auch mal wieder ohne Präsidenten. Das Amt liegt bis September brach, der deutsche Fußball irgendwie auch. Mit der neuen DFB-Akademie soll in Frankfurt binnen zweieinhalb Jahren eine Denkfabrik entstehen, die weltweit ihresgleichen sucht. Sie sind spät dran im DFB, aber sie haben immerhin erkannt, dass es dringend Zeit wird, anzupacken.

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