Biodiversität

Bürgerbewegung für biologische Vielfalt

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Hunderttausende auf der Straße sind nötig, um Politik und Wirtschaft dazu zu bringen, die Ziele der Biodiversität umzusetzen. Der Gastbeitrag.

Alle zwei Jahre trifft sich die internationale Staatengemeinschaft auf Einladung der Vereinten Nationen (UN) und berät, wie man Flora und Fauna weltweit schützen und deren Nutzung nachhaltig gestalten kann. Konkrete Ziele wurden 2010 beim Treffen in der japanischen Provinz Aichi beschlossen.

Bei der bereits laufenden vierzehnten UN-Konferenz zum Schutz der Biologischen Vielfalt (CBD) im ägyptischen Sharm El-Sheikh steht der ernüchternde Abgleich des 2010 Gewollten mit dem bis 2018 tatsächlich Erreichten an. Die 196 Vertragsstaaten müssen darum kämpfen, bis 2020wenigstens einige der 20 „Aichi-Biodiversitätsziele“ noch zu erreichen.

Für das nächste Paket an Vereinbarungen und Zielen bis 2030 braucht es mehr Verbindlichkeit. Hilfreich wäre ein „Paris-Abkommen für Mensch und Natur“ – getrieben von den Staats- und Regierungschefs persönlich, unterfüttert mit ambitionierten Zielen, funktionierenden Prüfmechanismen und konsequenter nationaler Umsetzung. Die Erfahrung aber zeigt: Damit die Politik sich bewegt, braucht es mehr Druck von der Straße.

Bis 2020 haben sich die CBD-Länder auf dem Papier viel vorgenommen. So soll unter anderem der Verlust an natürlichen Lebensräumen halbiert, die Überfischung der Weltmeere gestoppt sowie zehn Prozent der Meere unter Schutz gestellt sein.

Zwei Jahre vor Ablauf der Vereinbarung ist das Erreichte überwiegend mager. Zwar ist die internationale Gemeinschaft auf einem guten Weg, tatsächlich 17 Prozent der Landfläche weltweit unter Schutz zu stellen. Aber über 50 Prozent der Länder haben beim Erhalt von Lebensräumen für Pflanzen und Tiere gleichzeitig entweder keine Fortschritte zu verzeichnen oder vermelden Rückschritte.

Ähnlich unbefriedigend sieht es beim Kampf gegen die Überfischung der Ozeane oder beim Schutz der Korallenriffe aus. Alle nationalen Biodiversitätsstrategien und Aktionspläne zusammengenommen zahlen nicht ausreichend auf die vereinbarten Ziele ein.

Der Abbau umweltschädlicher Subventionen ist ein besonders eklatantes Beispiel des Scheiterns. In der Europäischen Union (EU) ist seit 1980 jeder zweite in der Agrarlandschaft beheimatete Vogel verschwunden. In Deutschland sank die Masse von Fluginsekten wie Hummeln, Bienen oder Falter in den letzten 30 Jahren um durchschnittlich 76 Prozent. Besserung ist nicht in Sicht.

Jüngst urteilte der Europäische Rechnungshof, dass die vorgeschlagene Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik von 2020 an den Bemühungen der Europäischen Union um einen umweltfreundlicheren und stärker leistungsgestützten Ansatz nicht gerecht wird. Deshalb fordert der WWF (World Wide Fund For Nature): Mindestens 50 Prozent der Agrarsubventionen dürfen nur an Landwirte fließen, die auch nachweislich auf ihren Feldern Klima- und Umweltschutzziele umsetzen.

Bis 2020 müssen die Staaten der Biodiversitätskonvention noch viel Boden gut machen. Es ist daher besonders wichtig, dass sich Minister zu Beginn der Konferenz damit beschäftigen, wie Natur- und Artenschutz besser in Wirtschaftssektoren wie Energiegewinnung, Bergbau und Infrastrukturplanungen integriert wird. Bleibt die Frage, ob sich die einzelnen Wirtschafts-, Energie- und Bergbauminister an die Verlautbarungen gebunden fühlen. Tun sie es, müsste zum Beispiel die EU zügig Nachhaltigkeitskriterien für importierte Agrar- und Mineralrohstoffe auf den Weg bringen.

Wer in Sharm-El-Sheikh sehen will, was wir an Naturwundern zu verlieren drohen, muss nur abtauchen zu den Korallenriffen vor Ort. Wir erleben das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier. Weltweit schrumpfen die Tier- und Pflanzenbestände. Von Rohstoffen, Wasser, Lebensmitteln, Arzneimitteln und Energie bis hin zu Bestäubung, Bodenbildung sowie Schutz vor Fluten, Stürmen und Erosion – die natürlichen Systeme der Erde sind überlebenswichtig für die Menschheit. Wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen.

Viel Zeit bleibt nicht für die Trendwende, aber sie ist noch machbar. Dazu braucht es deutlich mehr politisches und wirtschaftliches Engagement als bisher. Die Erfahrung zeigt: Politik und Wirtschaft benötigen oft eine Anschubhilfe. Ohne Hunderttausende auf der Straße hätte es nach Fukushima kaum den Einstieg in den Ausstieg aus der Atomkraft gegeben.

Eine starke, globale Bürgerbewegung für die Vielfalt des Lebens auf dieser Erde kann den entscheidenden Unterschied machen. Wir müssen jetzt über Landesgrenzen hinweg unsere zivilgesellschaftlichen Kräfte bündeln, um 2020 das Blatt zu wenden.

Günter Mitlacher leitet die Internationale Biodiversitätspolitik beim WWF Deutschland (World Wide Fund For Nature).

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