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Public Viewing während eines Schützenfestes.
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Public Viewing während eines Schützenfestes.

Kolumne

Brüllaffen in Unterzahl

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Was haben 43,64 Millionen Deutsche getan am Dienstag, 17. Juni, um 18 Uhr? Etwa ein Buch gelesen? Eine DVD geguckt? Das ist ein wahres Mysterium.

Eigentlich sollte es ja keinen Zweifel daran geben: Die Weltmeisterschaft der Fußballer ist etwas Besonderes. Da dürfen Menschen vier Wochen lang anders als sonst, da werden an den Universitäten Vorlesungen verlegt, da wird wild hupend mit Autos durch Städte geprescht, da wird gesoffen, geschrien und gelallt, und Bier wird vielen noch wichtiger als sowieso schon.

Dem zu entgehen, ist schwierig bis unmöglich. Alles scheint plötzlich mit Fußball zu tun zu haben, von der Wettervorhersage über Schminktipps bis hin zur Schwangerschaftsverhütung. Die komplette Werbewirtschaft richtet ihre Kampagnen ausschließlich an WM-Fanatiker. Sich diesem gesellschaftlichen Konsens zu verweigern, gilt wenigstens als unsexy, kann aber durchaus auch als krankhafte Abnormität verstanden werden. So befragte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Sportpsychologen zu dem Thema: „Bin ich ein Sonderling, wenn ich alleine daheim vor dem Fernseher hocke und Fußball schaue“? Der Wissenschaftler attestierte dem Solo-Gucker zwar nicht direkt eine Form des akuten Autismus, ließ jedoch eine Art Warnung zwischen den Zeilen durchschimmern. Man verpasse dann nämlich eine WM-Stimmung, die nur über eine Gruppe entstehe, orakelte er. Zudem könne Public Viewing auch eine gute Kontakt- und Partnerbörse sein. Klartext: Wer alleine Fußball guckt, ist ein scheuer, kontaktarmer Wicht, der seit langer Zeit einen Partner sucht, aber keinen findet, weil er mächtig einen an der Waffel hat.

Totalverweigerer mit Mega-Hau

Soweit über jene, die alleine gucken. Doch nun kommt der dicke Hund: Die Möglichkeit, dass jemand überhaupt kein Fußball schaut, wurde nämlich gar nicht erst in Erwägung gezogen. Und erst recht nicht die Frage, was so jemand dann wohl erst für einen Mega-Psycho-Hau haben muss. Die Totalverweigerer, ist das ein winziges Häuflein nahezu vollkommen verschimmelter Menschlein, die seit Jahren nicht mehr am Tageslicht waren und sich vorwiegend von Kondensmilch, Kerzenwachs und Fensterkitt ernähren?

Die Antwort verblüfft. Es sind nicht nur ganz normale Zeitgenossen, sie sind sogar weitaus in der Überzahl. Das erste Spiel der deutschen Mannschaft gegen Portugal verfolgten 26,36 Millionen Zuschauer. Das klingt enorm viel und wurde auch vom Fernsehen und den Werbehanseln mächtig gefeiert. Diese Zahl bedeutet aber gleichermaßen: 53,64 Menschen in Deutschland guckten keinen Fußball! Ihnen ging dieses vermeintliche Super-Event schlicht und einfach am Allerwertesten vorbei!

Gut. Nun muss man sicherlich etwa zehn Millionen abziehen. Jene nämlich, die zwar gerne Fußball geguckt hätten, aber schon so rabendicht waren, dass ihnen der schwankfreie Blick auf den Bildschirm oder den Videoscreen nicht mehr möglich war. Bleiben aber immer noch 43,64 Fußballverweigerer. Haben die ein Alibi? Was haben die getan am Dienstag, dem 17. Juni, um 18 Uhr? Etwa ein Buch gelesen? Eine DVD geguckt? Waren sie im Kino, im Theater, im Puff oder im Baumarkt? Was hatten sie an, was aßen sie, was tranken sie? Machten sie sich gerade die Nägel, Gedanken, ein Brot oder ins Bett?

Das sind die wahren Geheimnisse unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Was die 26,36 Brüllaffen taten, das wissen wir. Brüllen eben.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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