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Die Bundeswehr beruft sich auf eigene Werte im Traditionserlass.

Bundeswehr

Bruch mit falschen Helden

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Mit dem neuen Traditionserlass vergewissert sich die Bundeswehr, wofür sie steht - und wofür nicht. Dafür reichen elf Seiten aber nicht. Der Leitartikel.

Gut, dass eines noch mal festgehalten ist: „Das Singen in der militärischen Gemeinschaft ist ein alter Brauch.“ In aller Ernsthaftigkeit wird das schriftlich bestätigt, besiegelt durch eine Unterschrift der Verteidigungsministerin, in Punkt 4.14 des neuen Traditionserlasses der Bundeswehr. Der ist nun nach einem knappen Jahr Debatte fertiggestellt. Wenn gesungen werden darf und sogar soll, kann ja nun nichts mehr schiefgehen bei der Truppe. Oder?

Er hat seine nahezu kuriosen Seiten, dieser Traditionserlass, der einer der wenigen neu gefassten Schriftstücke staatlicher Institutionen sein dürfte, in dem das Wort „Ritterlichkeit“ noch vorkommt – und zwar sogar einmal mehr als im Vorgänger-Erlass. Auch der Name des Dokuments ist befremdlich: Kann man eine Tradition erlassen, also verordnen? Oder wachsen sie nicht eher langsam heran?

Tatsächlich können Traditionen erfunden werden – oder zumindest kann versucht werden sie zu setzen. Und es passt ja auch: Wo, wenn nicht in der Armee, wird alles möglichst kleinteilig geregelt. Seitenlange Zentrale Dienstvorschriften gibt es ja, damit keine Zweifel bleiben etwa über die Bewegungsarten von Soldaten: „Solange es Lage und Gelände erlauben, geht der Soldat aufrecht.“ Oder über den Überblick: „Die Sicht kann für das menschliche Auge eingeschränkt werden u. a. durch Dunkelheit (…)“. Warum also nicht eine Traditionsvorschrift?

Tatsächlich ist die nicht nur eine bürokratische Besonderheit, nicht nur eine Selbstbeschäftigung der Truppe, eine PR-Aktion einer PR-bewussten Ministerin. Die Armee ist nicht irgendeine Firma, auch wenn ihre Strukturen gerade mit Hilfe einer Unternehmensberaterin im Amte einer Staatssekretärin durchforstet wurden. Sie ist eine bewaffnete Organisation, die mit falschen Impulsen und Selbstverständnis nicht einfach nur bankrottgehen kann, sondern lebensgefährlich wird – eine Systemrelevanz der anderen Art also. Dass die Gründung der Bundeswehr, die Wiederbewaffnung Deutschlands, nach der Erfahrung der NS-Zeit so umstritten war, hatte seinen Grund.

Letzter Traditionserlass 1982

Es ist schon sinnvoll, dass sich eine Armee immer wieder darüber klar wird, wofür sie steht – und wofür nicht. Der letzte Traditionserlass stammt aus dem Jahr 1982. Seither hat sich die Welt ziemlich deutlich weitergedreht: Deutschland ist wiedervereinigt, die Bundeswehr ist in Auslandseinsätzen unterwegs, die Wehrpflicht – gedacht als Garant einer in der Demokratie verankerten Armee – ist faktisch abgeschafft. Die Verheerungen des Nationalsozialismus rücken zeitlich in immer weitere Ferne und können dadurch verschwimmen. Selbstvergewisserung schadet da nicht.

Die Bundeswehr klärt im Erlass auch ihr Verhältnis zur Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR, sie wird aber noch deutlicher in der Abgrenzung von der Wehrmacht. Das ist zuweilen ungelenk formuliert, aber sinnvoll – und zwar ganz ohne den Soldaten damit allgemein einen Hang ins Braune oder ins sonst irgendwie Diktatorische zu unterstellen.

In Kasernen stapeln sich keine NS-Devotionalien, bei den systematischen Durchsuchungen des vergangenen Jahres wurden nicht viele Fundstücke zusammengetragen. Aber zum einen wäre das nun wirklich ein Skandal gewesen, der die Bundeswehr grundsätzlich erschüttert hätte. Und es reicht schon, wenn das eine oder andere Relikt herumlag und so richtig niemanden gestört hat, genauso wie Kasernen nach seltsamen Helden benannt waren, die zu Gewohnheiten und sprachlichen Kumpels mutierten, ohne dass der geschichtliche Hintergrund mitgedacht war. Es ist nicht so, dass sich der Respekt vor einer militärischen Leistung immer abspalten lässt von deren ideologischem Hintergrund. Und was der eine verstauben lässt, begreift der andere als akzeptiert.

Von der Leyen wählte drastische Worte gegen rechte Tendenzen

Hektische Betriebsamkeit und Übertreibung ist Ursula von der Leyen vorgeworfen worden, als sie vor einem Jahr die Neufassung des Erlasses ankündigte. Zuvor waren mal wieder mehrere Kasernen mit Initiationsritualen aufgefallen. Es war bekanntgeworden, dass die klar rechtsextremen Tendenzen eines Soldaten von seinen Vorgesetzten jahrelang hingenommen worden waren.

Von der Leyen hat damals drastische Worte gewählt. In Teilen der Truppe mag das kontraproduktiv gewirkt haben, so offen wie nie haben sich hochrangige Soldaten gegen ihre Ministerin gewandt und tun es noch. Und natürlich gibt es andere Probleme, die die Bundeswehr zu bewältigen hat: die hohe Belastung durch die Einsätze, die eher mehr als weniger werden dürften; fehlende oder unpassende Ausrüstung, mit der offenbar jede Soldatengeneration von neuem kämpfen muss; der Nachwuchsmangel in einer Armee, die sich ohne Wehrpflicht gegen andere Ausbildungsberufe behaupten muss.

Weil diese Punkte den Alltag der Soldaten bestimmen und zuweilen behindern, sind sie die scheinbar wichtigeren. Aber das politische Bewusstsein um die Besonderheit der Institution gehört dazu. Es ist entscheidend und keine Zumutung, darüber immer wieder zu sprechen. Dafür reichen elf Seiten Papier aber nicht aus.

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