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Angela Merkel bei ihrer Rede in Harvard.

Merkel taucht ab

Hat jemand die Kanzlerin gesehen?

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Brillieren statt regieren: Nach der ernüchternden Europawahl reist die Kanzlerin in die weite Welt und spricht große Worte. Dabei hätte sie Wichtigeres zu tun. Ein Kommentar.

Hat jemand die Kanzlerin gesehen? Diese Frage war in dieser Woche im politischen Berlin häufig zu hören. Der Ausgang der Europawahl hat die deutsche Parteienlandschaft umgepflügt. CDU und SPD sind nach historischen Niederlagen mächtig in Aufruhr und tragen ihre Verunsicherung hinein in eine ohnehin wackelige Bundesregierung. Deren Chefin aber war als Kraft, die Ordnung und Orientierung vermitteln könnte, nicht präsent.

Stattdessen tauchte Angela Merkel an anderer Stelle auf, weit weg vom großkoalitionären Klein-Klein. An der US-Eliteuniversität Harvard hielt sie eine Rede, die den Eindruck einer in präsidentielle Sphären entrückenden Kanzlerin verfestigte. Merkel dozierte über den Wert von Aufgeschlossenheit, Zusammenhalt und Wahrhaftigkeit im Privaten wie in der Politik. Sie schlug ungewohnt spirituelle Töne an, als sie den Absolventen zurief, dass es kein Leben gebe ohne den Tod.

Seit ihrem Verzicht auf den CDU-Vorsitz wirkt Merkel erleichtert. Die Zeit der ständigen Anfeindungen aus dem eigenen Lager ist vorbei. Sie wagt sich aus der Deckung und wählt dafür die große, internationale Bühne.

Ob zur Gleichstellung von Frauen, zum Umgang mit Geflüchteten oder zur Stärkung Europas: Die Kanzlerin findet jetzt Worte, die man in dieser Klarheit gern viel früher von ihr vernommen hätte. Endlich erklärt sie die Motive ihrer Politik. In Harvard, der Heimstatt des westlichen Liberalismus, ließ sie sich als Ikone der freien Welt feiern. Die Laudatoren priesen Merkel für die Aufnahme von Flüchtlingen, für ihre Klimapolitik, die Einführung des Mindestlohns und der Ehe für alle.

Einiges davon wurde nicht wegen, sondern trotz Merkel Wirklichkeit. Aber die Kanzlerin widerspricht nicht. Unübersehbar ist die ironische Pointe zum Ende der Kanzlerschaft Merkels: Ihre liberale Politik, die Merkel in der weiten westlichen Welt zum Star macht, wird ihr daheim in Deutschland angelastet. Nicht zuletzt von Parteifreunden. Hierzulande müht sich Annegret Kramp-Karrenbauer damit ab, die unter Merkel gespaltene CDU wieder zu einen. Die taumelnde SPD sucht nach Jahren des Themenklaus durch die Merkel-CDU nach einer Daseinsberechtigung.

Merkel trägt gewiss nicht alleine Schuld am traurigen Erscheinungsbild der einstigen Volksparteien. Solange sie allerdings Kanzlerin ist, liegt es in ihrer Verantwortung, dass diese Parteien gut regieren. In der Groko geht zurzeit wenig voran. Merkels Anspruch sollte sich nicht darauf beschränken, im Ausland als Autorität zu gelten. Ihre Autorität ist in Berlin gefragt.

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