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Die Queen, Bewahrerin des Etablierten, versagt sich aller Nostalgie.

Leitartikel

Brexit: Die Mahnung der Queen

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Der Besuch von US-Präsident Trump hat die Anhänger des Brexit beflügelt. Deshalb mahnte Königin Elisabeth Britinnen und Briten, sich politisch nicht zu weit vom Kontinent zu entfernen.

Die Briten haben eine bewegte Woche hinter sich. Erst dominierte die Staatsvisite Donald Trumps alles im Lande. Dann brach zum 75. Jahrestag des D-Day eine Woge von Erinnerungen und Wehmut über die Nation herein. Und am Freitag war Theresa Mays Zeit an der Spitze der Konservativen Partei zu Ende.

Leiten wird May die Partei zwar noch fürs erste, kommissarisch. Und Premierministerin bleibt sie, bis ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin für sie gefunden ist. Nächste Woche soll das Auswahlverfahren beginnen. Ein Dutzend Kandidaten stehen bereit. Wer diesen Wettstreit gewinnt, soll auch Premier werden.

Viel bittere Kommentare hat das schon ausgelöst, da eine selbst für konservative Wähler gänzlich unrepräsentative, 120 000-köpfige Parteimitgliedschaft mit deutlichem Rechtsdrall letztlich die Entscheidung über die neue Regierung und deren Kurs fällen soll, ohne dass die Gesamtbevölkerung irgend eine Form von Mitsprache hat.

Abwanderung Richtung Brexit-Partei

Umso kurioser nimmt sich das Verfahren aus, als den Tories, die zusammen mit Nordirlands Unionisten die Geschicke des Königreichs bestimmen, längst die eigene Wählerbasis bröckelt. Bei den Europawahlen landeten sie ja abgeschmettert auf Platz Fünf.

Bei einer Unterhaus-Nachwahl im Wahlkreis Peterborough, der früher einmal eine Tory-Hochburg war, wanderten konservative Wähler gestern in Scharen ab zur neuen Brexit-Partei Nigel Farages. Labour holte sich den Sitz. Aber um ein Haar wäre er an die Brexit-Partei gegangen. In neuesten landesweiten Meinungsumfragen liegt Farages Partei, die außer Brexit keinerlei Parteiprogramm hat, schon jetzt klar vor allen anderen Parteien.

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Unterm Eindruck dieser Entwicklung haben schon im Vorfeld des Kampfs um No. 10 Downing Street fast alle Kandidaten ausgesprochen harte Töne angeschlagen. Spätestens am 31. Oktober soll aus der EU ausgetreten werden, mit oder ohne Deal. Vorgegeben hat diesen forschen Ton der Favorit, Boris Johnson, von dem auch generell skeptische Konservative glauben, dass er der einzige Tory-Politiker ist, der als eine Art Miniatur-Donald-Trump Nigel Farage und die Labour-Opposition ausstechen könnte.

Trumps Visite und das D-Day-Gedenken waren zweifellos Wasser auf die Mühlen der Brexiteers. Die Königin an der Seite des US-Präsidenten, Toasts für „die größte Allianz, die die Welt je gesehen hat“, Reminiszenzen an die Tage, als Ike und Monty praktisch im Alleingang (und offenbar ganz ohne russische Hilfe) den Kontinent vom Joch Hitlers befreiten: Das war ein Schauspiel, das national gestimmte Briten glücklich stimmen musste. Weltgeltung durch atlantische Partnerschaft ist für sie alles.

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Hier lebte der Glaube an ein von EU-Fesseln befreites großes, global orientiertes Britannien, wie es Johnson gern propagiert, noch einmal auf. Panisch suchten nüchtern gestimmte Insulaner ihren Landsleuten zu erklären, dass sie aus diesem gefährlichen Traum dringend erwachen müssten. Dass Donald Trump von „besonderer Beziehung“ sprechen mochte, aber etwas ganz anderes meinte – nämlich eine historische Gelegenheit, den USA Handelsvorteile zu verschaffen.

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Letztlich machte der Präsident ja in London auch kein Geheimnis aus seiner Überzeugung, dass ein vom europäischen Kontinent isoliertes „Brexitannien“ in künftiger Abhängigkeit von Washington alle ihm diktierten Bedingungen, bis hin zur Privatisierung des Nationalen Gesundheitssystems, akzeptieren müsste. Kein Wunder, dass Trump den beflissenen Johnson öffentlich zu seiner ersten Wahl erklärte, und er zugleich Farage, nicht aber dem britischen Oppositionsführer, eine Audienz während seines Staatsbesuchs gewährte.

Von bemerkenswerter Ironie war, wie die Queen, Bewahrerin des Etablierten, sich alle Nostalgie versagte und auf weitere Einbindung ihres Landes in internationale Verträge, auf den Erhalt wichtiger Nachkriegs-Institutionen drängte – während die Brexiteers, im Windschatten Trumps, einen radikalen neuen Marsch ins Abseits erzwingen wollen, und geneigt sind, den Willen des eigenen Parlaments zu ignorieren.

Selbst der alten Dame scheint bang zu sein vor dem, was jetzt kommt. Ihr Appell, an der Schwelle zu einem Regierungswechsel und zu erneuter Ungewissheit im Königreich, enthielt eine denkwürdige Botschaft an die Briten. 

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