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Jeremy Corbyn ist jetzt doch für ein zweites Referendum.

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Kopflos in London

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Die Briten führen ein Spektakel der Selbstdemontage auf.

Großbritanniens Führungspersonal gibt ein Bild ab, das an eine freidrehende Kompassnadel erinnert. Bei Konservativen und Sozialdemokraten herrscht Orientierungslosigkeit. Premierministerin Theresa May und Oppositionschef Jeremy Corbyn haben abgesehen von einer gewissen Sturheit kaum Gemeinsamkeiten.

Nun aber rücken beide von zentralen Punkten ihrer Brexit-Strategie beziehungsweise von dem, was die Welt für eine Strategie halten sollte, ab. May bietet doch eine Verschiebung des Austrittstags an, Corbyn ist jetzt doch für ein zweites Referendum. Dass May und Corbyn noch Anspruch auf das Vertrauen der Briten erheben, ist so dreist wie rätselhaft.

Bis zum Austrittstermin am 29. März verbleiben nur noch gut 700 Stunden. Doch mit Zeitdruck allein lässt sich im britischen Unterhaus keine Mehrheit für das von May mit der EU ausgehandelte Austrittsabkommen herstellen – das hat nun auch die Premierministerin eingesehen.

Aber auch eine Verlängerung des ermüdenden Brexit-Dramas verheißt keine Aussicht auf Erfolg, solange May schlicht nicht dazu imstande ist, sich Unterstützung zu organisieren für – ja, was eigentlich? Schließlich hat sie im Januar gegen das von ihr ausgehandelte Abkommen gestimmt, und die EU neigt nicht zu Nachverhandlungen.

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Dass ein von Corbyn nach immensem innerparteilichen Druck ins Spiel gebrachtes zweites Referendum einen Ausweg aus Mays Sackgasse weisen könnte, ist keineswegs so ausgemacht, wie manch ein Kontinentaleuropäer nun glauben macht. Auch dafür zeichnet sich keine Mehrheit im britischen Parlament ab.

Immer deutlicher zeigt sich, dass die Frage der inneririschen Grenze nicht der alleinige Grund für die Hängepartie zwischen London und Brüssel ist. Das Problem liegt tiefer: Die Briten – genauer gesagt: die Engländer haben mit dem Brexit eine Entscheidung getroffen, deren Konsequenzen sie scheuen. Das Land hat in den zurückliegenden 100 Jahren einen Bedeutungsverlust erfahren, mit dem es nicht zurechtkommt. Ein neues, zukunftsfreudiges Selbstbild ist nicht in Sicht.

Die Briten führen ein Spektakel der Selbstdemontage auf. Die verbleibenden EU27 sind da nur Statisten. Sie würden wohl einer Verlängerung der Austrittsperiode zustimmen – und warum auch nicht? Kontinentaleuropa kann aus geopolitischen Gründen kein Interesse daran haben, die Briten über die Klippe stürzen zu lassen.

Es ist auf wirtschaftlich, militärisch und diplomatisch starke Briten angewiesen. Die Europäer sollten nicht der populistischen Versuchung erliegen, ihre faktische Überlegenheit auszureizen. Ausgelebte Straf- und Rachegelüste sind genau das, was die Brexit-Fanatiker herbeisehnen, um das Chaos eines ungeregelten Brexit Brüssel in die Schuhe schieben zu können.

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