Leitartikel

Brexit und Freihandel: Boris Johnsons Hühnerhof

  • vonMatthias Koch
    schließen

In Großbritannien ist die Todesrate bei Covid-19 höher, die Rezession tiefer als anderswo. Doch der bockbeinige Boris Johnson riskiert jetzt zusätzlich idas totale Chaos beim Brexit.

Den Briten bleibt derzeit wirklich nichts erspart. Und nun kommen auch noch die Chlorhühner.

Großbritannien, nach dem Austritt aus der EU in Zukunft auf sich selbst gestellt, braucht vom Januar des kommenden Jahres an neue Handelsverträge. Doch nicht nur die Gespräche mit der EU stocken. Auch zwischen London und den USA knirscht es – obwohl Präsident Donald Trump seinem rechtspopulistischen Freund Boris Johnson ursprünglich ein „wunderbares Abkommen“ versprochen hatte.

Der Teufel liegt, wie überall, auch hier im Detail. So besteht Washington darauf, den Briten US-amerikanische Chlorhühner zu verkaufen. Die billigen, begasten Produkte sind zwar gesundheitlich unbedenklich, markieren aber im Segment industrieller Tierfleischerzeugung die allerunterste Schublade.

Lange tat Johnson so, als könne er den Import der auch bei den Briten unbeliebten Chlorhühner stoppen. Doch danach sieht es nicht mehr aus. Mehrere Zeitungen berichteten in dieser Woche, London müsse das Chlorhuhn wohl oder übel zulassen, allen bisherigen Beteuerungen zum Trotz.

Das ist bitter, vor allem wegen der politischen Vorgeschichte: „Regain control“– das war einer der Schlachtrufe der britischen EU-Gegner. Man wollte „die Kontrolle wiedergewinnen“. In der Realität aber schrumpft nun das einstige Empire, das sich in seinen Brexit-Fantasien aufgeblasen hatte, etwa beim strittigen Thema Lebensmittelstandards zur machtlosen Chlorhuhn-Kolonie der USA.

Immer mehr Enttäuschungen dieser Art addieren sich in letzter Zeit für die Briten. Was sollen, was müssen sie demnächst noch alles schlucken?

Das Land wird hart geprüft. In der Viruskrise gingen die Kurven in Großbritannien höher als anderswo; kein anderes Land in Europa zählte mehr Tote. In der Wirtschaftskrise gehen die Kurven tiefer; die Bank of England erwartet offiziell die schlimmste Rezession seit dem legendären „Great Frost“, und das war eine Krise, die im Jahr 1709 stattfand.

Johnson hätte die Möglichkeit, nun wenigstens Zeit zu gewinnen und den Austritt aus dem europäischen Binnenmarkt noch einmal um ein Jahr zu verschieben. Doch er bleibt bockbeinig. Er sieht Politik als Spiel, in dem man einfach mal dieses und mal jenes probiert. Diese Mentalität hatte dazu geführt, dass er bei der Bekämpfung des Virus erst einmal wochenlang das Ziel der schnellen Herdenimmunisierung verfolgte – bis das Anwachsen der Totenzahlen allzu makaber wurde.

Wie viel Nonsens, wie viel Verantwortungslosigkeit wollen sich die Briten von diesem Premier noch bieten lassen? Eben erst warnte Nissan vor der Schließung aller britischen Produktionsstätten für den Fall, dass keine Vereinbarung mit der EU zustande kommt. Es ist ein riskanter Poker, in dem Johnson jetzt ungerührt die Uhr ticken lässt – das Risiko tragen die britischen Arbeitnehmer.

Die Briten müssen sich überlegen, ob sie ihr Motto „Keep calm and carry on“ nicht inzwischen völlig falsch interpretieren. In Phasen der Bedrohung durch Kriege, Krisen oder Terror hatte der Slogan seine Berechtigung. Wenn aber die eigene Regierung einen vermeidbaren Fehler an den anderen reiht, gibt es keinen Grund, „ruhig zu bleiben und weiterzumachen“.

Ein erster dringender Schritt wäre jetzt die Verlängerung der Verhandlungen mit der EU. Als das britische Parlament auf einen Austritt aus dem Binnenmarkt schon zum 31.12.2020 pochte, konnte niemand ahnen, dass im selben Jahr erstens eine globale Pandemie anheben würde und zweitens die größte Rezession seit 300 Jahren. Beides sind historische Ausnahmesituationen, auf die eine vernünftige Nation jetzt eine vernünftige Reaktion finden muss.

Es hat keinen Sinn mehr, dass britische Unterhändler sich mit dem EU-Diplomaten Michel Barnier zusammensetzen und über dieses oder jenes Detail reden. Es gibt hier eine Grundsatzfrage, die auf höchster Ebene geklärt werden muss, zwischen Johnson, der deutschen Bundeskanzlerin und dem französischen Präsidenten. Europa kann sich jetzt einfach keine unnötige Zusatzkrise leisten. Und zu Europa werden die Briten auch in Zukunft immer gehören, schon aus geografischen Gründen, allen Spielereien und allem Theater zum Trotz.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare