Kolumne

Brei fürs Land gegen die Stadtflucht

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Geld alleine für Internet und Straßen wird die Stadtflucht nicht stoppen. Auch die kulturelle Vielfalt in den Regionen muss gefördert werden.

Endlich ist es soweit“, mailt einer der Aktivisten aus dem Hessischen in die Runde, „es gibt Fördermittel für Kleinprojekte.“ Er ergänzt: Wenn es Brei regne, sollte man die Löffel bereithalten. Also: Anträge stellen, das Geld auch nutzen. Jetzt, da mal nicht die Städte bedacht werden, sondern Projekte auf dem Land.

Die Fördermittel für ländliche Gegenden werden bundesweit ausgeweitet. Seit immer klarer wird, wie stark sich Lebenschancen und Stimmungen in den größeren Städten von denen auf dem Land unterscheiden, ist die Politik diesbezüglich im Alarmmodus. Es wird neu nachgedacht, die Bundesregierung lässt eine Kommission über „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ arbeiten.

Letzteres ist vom Grundgesetz her garantiert – und doch in Gefahr. Also beten es alle runter: In den Städten explodieren die Mieten. In vielen Städten entwickeln sich Internetwirtschaft und Kulturangebot nebeneinander prächtig, auf dem Land sind Perspektivjobs selten. Stadt ist nicht Stadt, die Unterschiede zwischen Aufschwung und Tristesse sind auch da massiv. Dennoch: Die Städte wachsen, das Land leert sich. Und in den Städten wird grün gewählt, auf dem Land immer öfter rechts.

In besagter Kommission aber schielen wieder alle nur aufs Geld. Erfolg ist, beim Bund neue Milliarden locker zu machen. Für Verkehrswege, schnelles Internet, Gesundheitsversorgung. All das ist nötig, wenn die Landflucht der Jungen und Gebildeten gestoppt werden soll. Und doch ist es zu kurz gedacht, nur mal tüchtig Brei regnen zu lassen und alles werde gut.

Es gibt andere Seiten des Themas Stadt/Land, insbesondere kulturelle. Der Aderlass der ländlichen Regionen ist in dieser Hinsicht seit Jahrzehnten beträchtlich. Menschen, denen es nicht reicht, sich via Freiwillige Feuerwehr oder Fußballverein an die Dorfgemeinschaft anzupassen, sind schnell einsam. Doch gerade in kultureller Hinsicht werden erste Gegentrends sichtbar.

Das hat mit der digitalen Welt zu tun, nicht zuletzt mit der Chance zum Home-Office. Und indirekt mit den Mietkosten in den Städten. Jedenfalls gibt es wieder Junge mit eigenen Plänen, die sehr bewusst rausziehen aus der Stadt. Oft nicht in die Hohe Rhön oder die flache Uckermark. Aber mindestens im Umkreis der Städte wächst mehr Kreativität, wird Heimat wieder vielfältiger.

Die Politik fürs Land wird in den Städten gemacht und das Steuerungsmittel ist Geld. Neue Projekte sollen die Abwanderung stoppen und Leute aufs Land locken. Aber letztlich gilt genauso: Junge Ärztinnen und Ärzte werden erst dann wieder gerne raus ziehen, wenn sie sich auch kulturell zuhause fühlen können. In Vielfalt statt Einfalt. Was sehr dafür spricht, neben der Wirtschaft die Kultur zu fördern.

Einen „Gleichwertigkeits-Check“ für neue Gesetze hat die Berliner Regierungskommission der Geldbesorger sich gerade einfallen lassen. Das ist Politbürokratie. Manchmal hilft eher der Blick von außen, es ist ein internationales Thema: Bei US-Studenten, die gerade Deutschlands Städte besuchen, stößt das Thema auf viel Interesse. Sie kennen es aus ihrer gespaltenen Gesellschaft: Man besucht das Dorf, aus dem man stammt, und hat einander nichts mehr zu sagen. Ein junger Amerikaner meint: „Man müsste etwas finden, das für alle gut ist.“ Etwas, das für Aufbruch stehe, in Stadt und Land gleichzeitig. Was das sein könnte? Brei alleine sicher nicht. Für den Geschmack braucht es Inhalt.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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