Klima-Debatte

Brecht for Hubraum

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Was ein deutscher Dichter mit Greta Thunberg, dem Klimaschutz und der Liebe zum Auto zu tun hat. Die Kolumne.

Was sind das für Zeiten“, fragt Bertolt Brecht in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“, „wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt“! Angesichts einer ins Monströse angewachsenen kollektiven Schuld – das Gedicht entstand zwischen 1934 und 1938 während der Zeit des Nationalsozialismus, als Brecht bereits die Flucht ins Exil geglückt war – kann es ein unverfängliches Gespräch kaum noch geben.

Die Zeiten haben sich geändert, und nichts wäre unsinniger, als von diktatorischen Verhältnissen zu sprechen, doch das diskursive Unbehagen nimmt mitunter ähnlich beklemmende Züge an. Nicht einmal ein Abschweifen in die Natur oder das eigene Lebensgefühl gewährt noch einen Aufenthalt in wohltuender Belanglosigkeit.

Die Freude an der leichtfertigen Rede ist dahin. Bäume, Wetter, gutes Essen, schnelle Autos – nichts eignet sich mehr zur kurzweiligen Unterhaltung. Das Stigma lauert überall, und hinter jeder Harmlosigkeit vermag sich ein böser Verdacht zu verbergen.

Brecht hoffte auf eine bessere Zukunft, die er für sich kaum noch in Anspruch zu nehmen wagte. „Ihr aber“, schreibt er am Schluss seines berühmten Gedichts, „wenn es so weit sein wird / Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist / Gedenkt unsrer / Mit Nachsicht.“

Danach sieht es aber gerade nicht aus. „Wie könnt ihr es wagen?!“, ruft Greta zornig und fordert entschlossen die Abkehr von behaglicher Normalität. Sie und ihresgleichen fordern den permanenten Ausnahmezustand, nichts soll weiter auf die lange Bank geschoben werden. Das macht die Revolution der Kinder so anstrengend.

An Schuld, Nachsicht, Greta und Brecht musste ich denken, als ich vor ein paar Tagen von der Nachricht hörte, dass sich eine Aktion namens „Fridays for Hubraum“ gegründet hat. Für einen Moment fand ich das lustig, weil es mit einer gewissen Selbstironie auf die moralische Überlegenheit der Klimakinder zu antworten schien. Da wollten es ein paar Leute, so dachte ich, mal ein bisschen brummen lassen. Aber es wurde bald anders verstanden. Die AfD witterte Bündnispartner im Kampf gegen den „ideologischen Irrsinn der Ökoaktivisten“, wie Parteichef Jörg Meuthen es nennt.

In der aktuellen Klimadebatte und den angrenzenden semantischen Kämpfen gibt es weder Unschuld noch Leichtigkeit. Das offene Bekenntnis zu Hubraum, PS und Motorkraft entpuppt sich denn auch als historische Peinlichkeit, der jegliche Ironie abgeht. Die beachtliche Zustimmung, die „Fridays for Hubraum“ mit nichts als einem Slogan erlangt hat, hat inzwischen sogar das Phantasma einer deutschen Gelbwesten-Bewegung heraufbeschworen. Aus dem Dröhnen der Motoren geht nicht selten bitterer Ernst hervor.

Für Brecht-Leser besteht allerdings die Aussicht auf Entlastung, hatte der Dichter doch schon sehr früh seiner automobilen Begeisterung lyrischen Ausdruck verliehen. „Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen. / Unser Motor ist: / Ein denkendes Erz. / Mensch, fahre uns!! / Wir fahren dich so ohne Erschütterung / Dass du glaubst, du liegst / In einem Wasser.“

Vom österreichischen Autohersteller Steyr soll Brecht dafür sogar ein Sportcoupé erhalten haben. Was waren das noch für Zeiten!

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