Kolumne

Braun werden in Deutschland

  • schließen

Jetzt wird es Ernst. Jetzt geht es um die Macht. Rotwein hilft nicht mehr.

Seit Wochen werde ich von einer drängenden Frage verfolgt, die sich seit Sonntag noch einmal verschärft stellt: Was macht eigentlich die Toskana-Fraktion? Zur Erinnerung: Unter Toskana-Fraktion verstand man den lebenslustigen Teil der westdeutschen Linken, die Klassenkampf mit dolce vita verbunden hat und sich auf den Parteifesten der KPI herumtrieb, um von einem Sozialismus mit mediterranem Antlitz zu träumen, braungebrannt und genussbereit. Natürlich sind sie älter geworden, natürlich ist auch die KPI verschwunden, vor allem aber denkt man bei Toskana-Fraktion heute eher an Wilders und Strache, Meuthen und Salvini selbst.

Früher, als das Wählen noch geholfen hat, als man sich vorher den Hals wusch und seinen Sonntagsanzug anzog und die Wahl eine ernsthafte Sache war, die man keinen Politclowns aus dem Fernsehen überließ, früher hätte die Toskana-Fraktion der alten Schule bei Faschismus-Verdacht zum Boykott aufgerufen. Waren aus Ländern, die von grobschlächtigen, rechtsradikalen, vollkommen uneleganten Türstehern regiert werden, hätten bei ihnen keine Chance gehabt.

Aber wohin sollte das im Fall von Italien führen? Keine Pizza, keine Pasta. Kein Parmesan und keine sonnengereiften Tomaten aus der Dose. Keine Besuche mehr beim netten Italiener nebenan, von dem man auch nicht genau weiß, ob er heimlich nicht eher dem duce vita zugeneigt ist. Auch kein Espresso und kein Capuccino, der immer öfter in US-Ketten serviert wird, und Amerika, großer Gott, wird von Trump regiert, weswegen es keine Burger mehr geben dürfte.

Ja: praktisch die halbe deutsche Speisekarte würde verschwinden und zurück bliebe nur Asia-Nudeln und der Döner natürlich, deutsch bis in die Knochen – und deutsch sein, also richtig deutsch, mit Sauerkraut und dunkler Soße zum Jägerschnitzel, wollte die Toskana-Fraktion nie. Aber es nutzt ja nichts: weder gegen die Lega Nord noch gegen ihr deutsches Gegenstück AfD, die man guten Gewissens Lega Ost nennen kann, denn da hat sie ihre Hochburgen, hilft ein Boykott.

Sehen wir es mal so: Was kann der Dresdner Stollen dafür, wenn er aus Dresden kommt, und was kann die Bolognese dafür, wenn sie aus der Emilia Romagna kommt, wo Salvini abgeräumt hat, aber auch Mussolini und die berühmtesten aller Spaghettisoßen geboren wurde, die aber – seien wir ehrlich – aus der Nähe betrachtet aussieht wie die Überreste eines blutigen Massakers.

Wenn wir noch ehrlicher sind, müssen wir sagen, dass die Vision der Toskana-Fraktion – durch Genussfähigkeit und Sonnenschein zum besseren Leben kommen, friedliche Revolution durch nachhaltigen Konsum – auch gescheitert ist. Das wiederum ist keine gute Nachricht für die Grünen, die zur Lega West mutiert ist.

Denn jetzt wird es ernst mit der Energiewende und der Verkehrswende - und allen anderen Wenden auch. Und wie die Geschichte lehrt, hat jede Wende ihre Kosten. Den Bergarbeitern in der Lausitz müssen die Grünen bald erklären, dass ihre Arbeitsplätze wegfallen, aber wie sie das tun, haben sie noch nicht verraten: Danke, Kumpels, und wenn ihr Glück habt, könnt ihr in ein paar Jahren Eis verkaufen an den vollgelaufen Gruben?

Von der Automobilbranche gar nicht zu reden, dem Rückgrat der hiesigen Wirtschaft. Kurz: Jetzt ist Schluss mit lustig, jetzt fängt der Ernst an, jetzt geht es um die Macht. Rotwein hilft nicht mehr, Italien auch nicht. Braun werden kann man auch in Deutschland.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare