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Weltweit gehen beim "March for Science" die Menschen auf die Straße.

March for Science

Wir brauchen mehr Vernunft

Aus Furcht entsteht Unvernunft. Dominiert sie den Diskurs, verhindert sie den Fortschritt. Der Gastbeitrag.

Die Angst geht um auf dem Planeten Erde. Die Furcht vor dem nötigen Umbau der Wirtschaft, um die Folgen des Klimawandels im Griff zu behalten, treibt erstaunlicherweise viel mehr Menschen um, als es der Klimawandel selbst tut. Existenzangst herrscht auch im Zusammenhang von internationaler Arbeitsteilung und Globalisierung. Politik muss das verstehen und ernst nehmen, denn aus Furcht entsteht Unvernunft. Dominiert diese erst den Diskurs, greift sie die Grundlagen unseres Fortschritts an: die freie Wissenschaft und Forschung, für die letzten Samstag zu Recht Menschen weltweit beim „March for Science“ auf die Straße gegangen sind.

Viele sorgen sich unverhältnismäßig mehr um ihre wirtschaftliche Existenz als um die Gesundheit des Planeten oder blenden die friedenssichernde Wirkung von internationalem Handel völlig aus. Die Bewohner des Rust Belts in den USA haben ihre Existenzangst wegen des Niedergangs ihrer Industrien ausgedrückt und einen wichtigen Beitrag zur Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten geleistet. Weltweit profitieren Populisten von Ängsten, die sie unlauter und zu ihren Gunsten anheizen. Sie leugnen wissenschaftliche Erkenntnisse und räumen Gefühlen einen höheren Stellenwert ein. Wenn überhaupt, dann sollte das uns Angst machen. Doch wir sind sicher, dass Fakten sich nicht auf Dauer unterdrücken lassen.

Wissenschaft ist unser bestes Instrument, um Tatsachen auf die Spur zu kommen. Sie strebt nach Objektivität. Vielleicht erreicht sie diese nicht immer zu hundert Prozent. Vielleicht finden wir oft eher heraus, was falsch, und weniger, was „wahr“ ist. Ganz gewiss entwickelt sich Wissenschaft weiter, indem sie frühere Theorien widerlegt. Das ist aber beileibe kein guter Grund sie abzulehnen. Der Philosoph Karl Popper hat es auf den Punkt gebracht: „Wir müssen es lernen, Dinge so gut zu tun, wie wir es können, und auf unsere Fehler Acht zu geben.“

In gewisser Weise gleicht Wissenschaft der Demokratie, also der Verfassungsform, in der stets neue Wege gesucht werden müssen, Irrtümer aber korrigierbar bleiben. Vor allem ist sie aber ein unerlässlicher Partner der Demokratie. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind der aktuellste und objektivste Stand menschlichen Wissens. Was könnte sich also besser als eine zentrale politische Entscheidungsgrundlage eignen?

Uns liegt die offene Gesellschaft am Herzen. Die besten Garanten für eine offene Gesellschaft sind ein demokratisches System und eine auf Aufklärung und Vernunft aufbauende Politik. Gefühle wie Vorurteile etwa gegen Flüchtlinge, Lesben und Schwule, Menschen mit anderer Hautfarbe oder Religion, Frauen oder Männer können starke Emotionen und sogar politische Bewegungen begründen. Was sie definitiv nicht können, ist als Grundlage für die bestmögliche Entscheidung zu dienen. Wo die Wissenschaftsfreiheit infrage gestellt wird, stehen die offene Gesellschaft und die Demokratie in Gänze auf dem Spiel. Auch in der deutschen Außenpolitik braucht es deshalb endlich deutlichen diplomatischen wie politischen Druck zum Schutz freier Wissenschaft.

Wissenschaft bringt uns voran, hilft uns, die Welt besser zu machen. Dank ihr versperren beispielsweise Ökologie und Wohlstand einander nicht mehr den Weg. Die soziale und ökologische Transformation ist möglich und notwendig. Wissenschaft versetzt uns in die Lage, einen solchen Strukturwandel zu planen und den Menschen Zuversicht und Zukunftschancen zu geben. Wir müssen es nur tun. Das Fundament dafür ist, dass wir auf die Vernunft vertrauen. Wir brauchen mehr Vernunft.

Das bedeutet nicht, dass wir der Wissenschaft nun alle Entscheidungen überlassen. Nicht alle Fragen, die richtig und wichtig sind, lassen sich mit Hilfe der wissenschaftlichen Methode beantworten. Nicht jedes Forschungsergebnis ist so eindeutig, dass es nicht verschiedene Interpretationen zuließe. Nicht alles, was wissenschaftlich möglich ist, muss den richtigen Weg weisen. Nur auf die Wissenschaft zu bauen hieße, ethische Erwägungen ebenso aufzugeben wie soziale oder politische Aspekte. Die Wissenschaft ist ein wichtiges Instrument in den Händen einer Gesellschaft. Sie ist der Kompass für eine offene, demokratische Gesellschaft.

Forschung kann aus ethischen Erwägungen untersagt werden. Nichtsdestotrotz muss Politik innerhalb eines ethischen Rahmens der Forschung die größtmögliche Freiheit bieten. Die Neugier ist der größte Antreiber der Forschenden und der Menschheit. A priori zu wissen, welche Lösungen die besten sind, ist vermessen. Politik muss Ziele definieren. Gute Politik lässt dabei offen, auf welchem Wege die Ziele erreicht werden. Zentral ist, dass wir Grundlagenforschung fördern. Es ist opportun, der Neugier und dem Forschergeist eine Chance zu geben. Es ist die Chance, neue Wege zu finden und echten Fortschritt zu erreichen.

Werteentscheidungen müssen auf Fakten, Vernunft und Erfahrungen basieren. „Alternative Fakten“ sind nichts anderes als Lügen. Niemand darf erwarten, dass aus ihnen sinnvolle Entscheidungen erwachsen. Eine solche Politik ist feige, weil sie angesichts der tatsächlichen Herausforderungen den Schwanz einzieht und stattdessen auf scheinbare Probleme reagiert. Es braucht Mut, sich der Realität zu stellen und dem Fortschritt eine Chance zu geben. Die Erfahrung zeigt, dass es sich lohnt.

Kerstin Andreae ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag.

Kai Gehring ist Sprecher für Hochschule, Wissenschaft und Forschung der Grünen-Bundestagsfraktion.

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