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Arbeitsmarkt

Wir brauchen sie alle

Am Ausbildungsmarkt ist die Krise noch nicht vorbei. Wir müssen mehr tun, um die „Abgehängten“ wiederzugewinnen.

Von Heinrich Alt

Die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen!“ Unter diesem Motto steht derzeit die „Woche der Ausbildung“ der Bundesagentur für Arbeit. Arbeitsagenturen und Jobcenter laden zu Berufsinfo-Börsen, Branchengesprächen und vielem mehr, um die Bedeutung einer guten Ausbildung hervorzuheben.

Der eine oder andere mag sich fragen, warum wir eine Aktionswoche bei relativ entspannter Lage brauchen. Deutschland hat – neben Österreich und den Niederlanden – die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa. 250.000 junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren sind arbeitslos, nur 60.000 von ihnen länger als sechs Monate. Ein Zeugnis dafür, dass die Ausbildung junger Talente in Deutschland gut funktioniert. Aber jeder zwölfte Jugendliche startet ins Leben, ohne auch nur einen Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben. 15 Prozent der Lehrlinge eines Jahrganges schaffen ihren Ausbildungsabschluss nicht. Vor ihnen liegt ein steiniger Weg, der nicht selten ins soziale Abseits führt. In Zeiten eines sich bereits abzeichnenden Fachkräftemangels können wir diese Situation nicht akzeptieren.

Wir haben einen zu großen Puffer zwischen Schulabschluss und Ausbildungsbeginn. Rund 280.000 Jugendliche in Übergangssystemen sind ein Beleg für erhebliche Verwerfungen am Ausbildungsstellenmarkt. Das Eintrittsalter von Auszubildenden liegt derzeit bei 20 Jahren – im europäischen Vergleich liegen wir damit auf den hinteren Rängen. Wir müssen mehr direkte Brücken und weniger Umwege in betriebliche Ausbildung bauen.

Wie wenden wir uns den Jugendlichen zu, die noch nicht so richtig den Zugang zur Arbeitswelt gefunden haben? Es ist müßig, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob die heutige Jugend besser oder schlechter ist als die von gestern. Sie ist auf jeden Fall anders, mit anderen Talenten und Schwächen. Das Problem vieler Jugendlicher ist, ihr spezifisches Talent zu erkennen und daraus eine erfolgreiche Lebensperspektive zu entwickeln. Die Berufswelt befindet sich in einem steten Wandel. Berufe verschwinden, neue Berufsbilder entstehen. Parallel zur Komplexität der Arbeitswelt steigt der Bedarf an Beratung und Orientierung. Jede Fehlentscheidung kostet Lebenszeit, ist mit Einkommensverlust und Frustration verbunden.

Es geht darum, dass junge Menschen gut informiert und qualifiziert begleitet eine Ausbildung wählen, die ihren Interessen und Neigungen entspricht. Entscheidend ist ein zwischen Schule und Berufsberatung gut organisierter Berufswahlprozess, der neben dem Jugendlichen auch Eltern, Lehrer und Wirtschaft einbezieht. Ich glaube, wir brauchen ein zeitgemäßeres Bewusstsein dafür, dass es nicht unbedingt ein akademischer Berufsweg sein muss, um sein Talent zu entfalten.

Immer mehr junge Menschen gehen von der Schule auf die Uni. Dieser Trend verschärft die Situation der Betriebe. Ich möchte Hochschulstudium und Berufsausbildung nicht gegeneinander ausspielen. Angesichts mancher Debatten sollten sich junge Menschen aber nicht aus falscher Motivation für den akademischen Weg entscheiden. Ein Studium ist sicherlich immer erstrebenswert, aber nicht für jeden der Königsweg. Wie vermitteln wir also, dass es über 350 spannende Berufe gibt? Sicherlich muss sich Schule der Wirtschaft weiter öffnen. Dazu braucht Schule Unterstützung durch die Unternehmen.

Nicht nur Schüler müssen so früh wie möglich mit der bunten Vielfalt der Arbeitswelt im Positiven konfrontiert werden. Auch die Eltern als wichtige Berater müssen wir beim Thema Berufsorientierung in den Blick nehmen. Gerade in Migrantenfamilien hat das Thema duale Ausbildung je nach Kulturkreis einen anderen Stellenwert. Hier sehe ich auch unsere Berufsberatung in den Agenturen in einer wichtigen Schlüsselfunktion. Es ist bildungspolitische aber auch arbeitsmarktpolitische Phantasie gefragt wenn es darum geht, Menschen für das Thema Ausbildung zu begeistern, die bislang im System gescheitert sind.

Hier gibt es ein erhebliches Bildungspotenzial. In Deutschland haben 1,5 Millionen Männer und Frauen zwischen 25 und 34 Jahren keine abgeschlossene Berufsausbildung. Eine dauerhafte, existenzsichernde Beschäftigung bleibt ihnen oft verwehrt. In den Medien ist oft von den „Abgehängten“ zu lesen. Es sind die geburtenstarken Jahrgänge, die vor Jahren auf der Suche nach Ausbildungsplätzen nicht zum Zuge kamen. Die bereits viele Maßnahmen durchlaufen haben, keine Arbeit finden oder sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Oder es sind junge Frauen, die wegen der Geburt ihres Kindes die Lehre abgebrochen und danach den Anschluss an den Arbeitsmarkt verloren haben.

Für jeden Einzelnen ist das ein trauriges Schicksal, für uns als Gemeinschaft eine soziale und ökonomische Katastrophe. Eine alternde Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auch nur einen Teil ihrer Jugend aufzugeben. Mit unserer Initiative „AusBildung wird was – Spätstarter gesucht“ versuchen wir darauf eine Antwort zu geben. Wir sind uns in Deutschland einig, dass Bildung, Chancengleichheit und Ausbildungsgarantie die Herausforderungen der nächsten Jahre sind. Dabei handelt es sich auch um ein Leistungsversprechen. Um es umzusetzen, müssen wir flexibler werden bei der Ausgestaltung der Ausbildungswege und -möglichkeiten. Sonst erreiche ich die „Bildungsreservisten“ bei allem guten Willen nicht. Es gibt keine Entwarnung auf dem Ausbildungsmarkt, dafür gibt es umso mehr zu tun, um allen jungen Menschen zu zeigen, dass wir es ernst meinen, wenn wir sagen: Wir brauchen euch.

Heinrich Alt ist Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit.

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