Kolumne

Brancas Art

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Die Wege der Kommunikation sind manchmal verwunderlich. Manche können sich sogar mit der Nase verständlich machen. Die Kolumne. 

Branca hatte ich bislang allenfalls am Rande wahrgenommen. Im Pflegeheim meiner Mutter gehörte sie zum Personal des benachbarten Wohnbereichs, dessen Mitarbeiter nur bei Engpässen zur Betreuung auf der anderen Seite eingesetzt wurden.

Die hohe Fluktuation des Personals gehörte zu den wenigen Dingen, die ich in den zwei Jahren, die meine Mutter am Ende ihres Lebens in einem Pflegewohnheim zubringen musste, eher kritisch wahrgenommen habe. Wie sollte sie im Zustand der fortgeschrittenen Demenz Vertrauen aufbauen, wenn die Dienstpläne so komplex und unübersichtlich waren wie die Beipackzettel ihrer Medikamente.

Selbst für mich war Branca eine von vielen, während ich Cigdem, Emilia, Mahmoud und Majid als verlässliche und empathiebegabte Menschen ebenso ins Herz geschlossen hatte wie meine Mutter. Weil sie einfach da waren.

Bevor meine Mutter sich kurz vor ihrem Tod entkräftet in sich zurückzog, war sie tagelang sehr unruhig. Immer wieder versuchte sie, ihrem Rollstuhl zu entkommen, der zuletzt kein probates Hilfsmittel mehr war, sondern auf sie wie eine Fessel wirken musste, nachdem sie nach einem Krankenhausaufenthalt vollends die Fähigkeit verloren hatte, auf den eigenen Beinen zu stehen. Ständig drohte erhöhte Sturzgefahr.

Auch im Bett wälzte sich hin und her, fand dabei aber keine Lage, in der sie hätte zur Ruhe kommen können. Die Anwesenheit ihrer Söhne oder der Enkelin, die ihr fast immer ein Lächeln zu entlocken vermochte, brachte zuletzt keine Besänftigung mehr. Allein die Erschöpfung ließ sie schließlich ein wenig Schlaf finden.

An einem Abend vor ein paar Wochen war es besonders schlimm, unentwegt versuchte sie sich der Bettdecke zu entledigen – Ausdruck eines elementaren Freiheitsbedürfnisses, dessen unbeaufsichtigte Erfüllung aber eine rasche Auskühlung zur Folge gehabt hätte. Ich bat Branca um Rat, was zu tun sei, wenn ich meinen Stuhl an Mutters Bett – es war schon spät geworden – demnächst würde verlassen müssen.

Branca beugte sich sanft und in wohltuender Unaufgeregtheit zu meiner Mutter hinunter, erhob spielerisch den Zeigefinger und zog ihr die Decke hoch bis zum Hals, was bei ihr sonst immer großes Unbehagen ausgelöst hatte. Wie zur Bekräftigung eines stumm geschlossenen Vertrags stupste Branca mit ihrer Nase an die meiner Mutter, die innerlich offenbar eingewilligt hatte.

Nach diesem anrührenden kommunikativen Austausch gab meine Mutter Ruhe und ertrug klaglos die hochgezogene Decke, ehe sie in den Schlaf fand. Es schien, als habe sie Brancas Vorschlag nicht nur akzeptiert, sondern deren gefühlvolle Geste geradezu in sich aufgenommen.

Bis vor wenigen Tagen noch habe ich diese Begebenheit in privaten Gesprächen als besonderen Ausdruck eines pflegerischen Einsatzes geschildert, weil er sämtliche beruflich gebotenen Standards übersteige. Aus heutiger Sicht aber unterliefe es auf beunruhigende Weise das verordnete Abstandsgebot.

Für meine Mutter war es eine ihrer letzten emotionalen Regungen. In den nächsten Tagen schlief sie nahezu durchgängig. Nur manchmal noch erwiderte sie dankbar das Streicheln ihrer Hände. Sie starb, kurz nachdem in Berlin die ersten Corona-Infektionen bekanntgeworden waren, im Alter von 99 Jahren.

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