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Boris Palmer, Grüner OB aus Tübingen, vermisst den alten weißen Mann bei der Bahn. 

OB Tübingen

Boris Palmer und die Identitätspolitik

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Boris Palmer vermisst den alten weißen Mann auf der Online-Seite der Deutschen Bahn. Was sagt das über ihn aus? Oder vielmehr: Ist das nicht Identitätspolitik, die er betreibt? Die Kolumne. 

Da hat der berühmt-berüchtigte Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer mal wieder ganz tief in seinem Populistenköfferchen gekramt und in einem Facebook-Post der Deutschen Bahn einen mitgegeben. Die bebildert ihre Auskunftsseite online mit Menschen, die nach ihrer Definition typische Bahnreisende sind, scheinbar jedoch nicht Palmers deutschen Gesellschaftsklischees entsprechen: Darunter ist Fernsehkoch Nelson Müller ebenso wie Moderatorin Nazan Eckes, eine Mutter mit Kind, die wohl keinen germanischen Stammbaum bis zu Kaiser Wilhelm vorweisen kann, und ein junger weißer Mann, Nico Rosberg himself, der verträumt aus dem Zugfenster blickt. 

„Was wir hier diskutieren, ist Identitätspolitik. Und zwar von rechts wie links. Die einen sagen, man wisse nicht mehr, in welchem Land man lebt, die anderen bekämpfen alte weiße Männer. Und gemeinsam haben die Identitätspolitiker es ziemlich weit damit gebracht, uns zu spalten“, schreibt Palmer zu seinem Post, um gleichsam zu demonstrieren, dass er es ist, der hier spaltet. Und der Identitätspolitik betreibt. 

Boris Palmer betreibt Identitätspolitik

Palmer macht nämlich nichts anderes, als von der Bahn die Abbildung eines Querschnitts der qua rechts-bürgerlicher Definition typisch „deutscher“ Bahnfahrer einzufordern. Also einer Gruppe Menschen, deren Identität über eine gemeinsame Blut-und-Boden-Historie definiert wird – oder die zumindest so aussieht. Das entspricht ganz dem Ethnopluralismus, wie ihn die rechtsextremen „Identitären“ propagieren. In deren Identitätspolitik kommt keine multikulturelle Gesellschaft vor, angestrebt wird vielmehr die Einheitlichkeit innerhalb einer Volksgemeinschaft; Menschen, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, können es maximal zu „Passdeutschen“ bringen. 

Doch der OB fragt scheint‘s ganz unbedarft, „welche Gesellschaft,…, das abbilden“ solle, bzw. nach welchen Kriterien die DB diese Menschen ausgewählt habe. Dass er mit seiner kleinen Einlassung die faktische Existenz des Multikulturalismus negiert, geschenkt. Offensichtlich hat er jedoch Teile der Identitätsdebatte gar nicht mitbekommen. 

Palmer und die alten weißen Männer

Ludwig Wittgenstein hatte in seinem „Tractatus logico-philosophicus“ zum Identitätsbegriff darauf hingewiesen, dass es Unsinn sei, „von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch. … Und von Einem zu sagen, es sei identisch mit sich selbst, sagt gar nichts.“ Damit gräbt Wittgenstein der Vorstellung einer auf bestimmten Identitätsmerkmalen basierenden Gesellschaft das Wasser ab. Es werden einzelne Kriterien herausgegriffen, die einer Gesellschaft ihr jeweils spezifisches und erkennbares Merkmal oktroyieren. 

Ein Konstrukt von außen, dessen bildhafte Darstellung Palmer bei der Bahn vermisst. „Die Zuschreibung einer Identität ist ein einfaches Verfahren zur Reduktion des Menschen auf einen mitunter höchst zufälligen Aspekt seiner Existenz“, schreibt der Philosoph Konrad Paul Liessmann in der „Neuen Zürcher Zeitung“, der durch Identitätspolitik den Menschen seiner Vielfalt beraubt sieht. Weiter gedacht auch die der gesellschaftlichen, die nun mal nicht dem Gusto des AfD-Wählers entspricht. 

„Fremd-im-eigenen-Land“-Rhetorik

Es sei diskriminierend, „wenn alte weiße Männer in der Bildauswahl der Deutschen Bahn nicht mehr vorkommen“, legt Palmer nach und definiert den fehlenden alten weißen Mann als „neue Benachteiligung für andere als Ausgleich für bestehende Benachteiligungen“. Und hier zeigt sich ein Palmersches Dilemma. Wie so oft gibt er vor etwas abzulehnen, während er es gleichzeitig vollzieht. Den alten weißen Mann als diskriminierte Spezies zu behaupten, ist in etwa so glaubwürdig, wie sein kompletter Dreh der umgekehrten Diskriminierung.

Denn noch haben exakt die Männer, bevorzugt weiß, die Deutungshoheit darüber, was Teil dieser Gesellschaft ist und was nicht. Weiter würden Menschen „ohne erkennbaren Migrationshintergrund“ als Minderheiten dargestellt, womit Palmer sich explizit der rechten „Fremd-im-eigenen-Land“-Rhetorik bedient. Das macht er sicherlich aus Kalkül und sich zu einem Identitätspolitiker, den er eigentlich nicht zu sein vorgibt. Aber „uns“ spalten tun ja bekanntlich immer die anderen, wobei noch darauf verwiesen sei, dass es dieses „uns“ nie gegeben hat – dafür jedoch eine innerhalb der Rechten identitätsstiftende Definition von deutsch. Palmer dürfte erneut sein Klientel erreicht haben.

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