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Boris Johnson - ein begnadeter Schwätzer.

Kommentar zum neuen Premierminister

Boris Johnson: ein begnadeter Schwätzer im Amt des Premierministers

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Der Nationalist Boris Johnson steigt zum konservativen Parteichef und Premierminister auf. Wie sollten die „Pro-Europäer“ in der EU reagieren? Sicher nicht damit, dass sie so weitermachen wie bisher. Das gilt auch für Angela Merkel. Ein Kommentar.

Der drohende Niedergang Europas trägt viele Namen, auch britische: Da ist Nigel Farage, der knallhart rechte Nationalist. Da ist David Cameron, der Konservative, der das Land aus innenpolitischem Kalkül ins Brexit-Referendum trieb. Da ist Theresa May, die sich als unfähig erwies, das Ergebnis politisch auf annehmbare Weise zu gestalten. Und da ist der Mann, der die schlechten Eigenschaften der drei Genannten in sich vereint: Boris Johnson.

Manche hoffen, dass dieser begnadete Schwätzer im Amt des Premierministers, das er jetzt antreten darf, ein wenig besonnener agiert als bisher. Die Chancen sind nicht sehr groß, man denke nur an den fast ungezähmt wütenden Donald Trump. Aber selbst wenn es etwas gesitteter zugehen sollte in London, wird sich am wichtigsten „Erfolg“ des neuen Premiers nichts ändern. Er hat, wie Trump in den USA, Salvini in Italien oder Orban in Ungarn, führend dazu beigetragen, den radikalen National-Egoismus zur Staatsräson zu erheben.

Unter Boris Johnson wird die britische Politik lange Zeit auf einer Illusion beruhen

Egal, ob es zum No Deal, also zum chaotischen EU-Austritt ohne Vertrag mit Brüssel, kommt: Die britische Politik, jedenfalls die der Konservativen und der noch rechteren Kräfte, wird für lange Zeit auf einer Illusion beruhen. Auf der Vorstellung, dass eine Mischung aus globalem Konkurrenzkampf in der Wirtschaft und Abschottung gegen Migration ein Land wie Großbritannien zu nationaler Größe (zurück)führt.

Was sollten die europäischen Länder, die noch nicht dem radikalen Nationalismus verfallen sind, tun? Wie können Frankreich, Deutschland, Spanien, die Skandinavier und andere den europäischen Gedanken retten? Eine Antwort kann nur lauten: Sie müssten sich endlich wieder als echte Europäer erweisen. Das nämlich sind sie, entgegen der ständigen Erzählung von „Pro- und Anti-Europäern“, keineswegs. Auch Deutschland nicht.

Schillernd und umstritten: Boris Johnson

Das Europa der „Pro-Europäer“ ist eine Art Boris Johnson light

Seit Helmut Kohl, und erst recht in der Amtszeit der Angela Merkel, endet das europäische Pathos schnell, wenn es konkret wird. Das „Dublin“-System, das viele Jahre lang die Staaten mit EU-Außengrenzen mit den Geflüchteten allein ließ, ist eine deutsche Erfindung, und Merkel hat davon erst jetzt in vagen Andeutungen ein wenig Abstand genommen. Und in der Wirtschaft exportiert Deutschland auf Biegen und Brechen, um sich hinterher zu beklagen, dass andere, die unsere Waren importieren, im Minus landen.

Das Europa der „Pro-Europäer“ ist, zugespitzt, eine Art Boris Johnson light. Dass man dem anti-europäischen Original damit nicht beikommt – auch dafür ist der Aufstieg Johnsons zum Parteichef und Premier ein Beweis.

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