+
Kein Überblick im Blätterwald: Wer sich heute richtig informieren will, muss sich aufgrund der großen Auswahl anstrengen

Medien

Bombardiert mit Medienschrott

  • schließen

Man muss sich in der heutigen medialen Welt anstrengen, um sich objektiv zu informieren. Aber es lohnt sich. Die Kolumne.

Eigentlich versucht ja ein jeder, sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen. Doch was, wenn man irgendwo hinkommt und dort all seine Vorurteile nicht nur bestätigt, sondern gar übertroffen sieht? Mir erging das so, als ich vor einigen Jahrzehnten zum ersten Mal die USA bereiste. Zwar hatte ich geahnt, dass die meisten Einwohner dieses Landes zur Oberflächlichkeit neigen, doch dass das dortige Sein im Wesentlichen auf Trug und Fake beruht, hat mich denn doch schockiert.

Ein Eindruck, der sich auf vielen weiteren Reisen eher verstärken sollte. Von auf verpilzte Nagelbetten aufgeklebten Kunstkrallen über geheuchelte Freundschaftsbekundungen und dickgespritzte Schamlippen bis hin zu Werbespots von Herzchirurgen mit Frau und Kindern („Mein Dad ist der beste Arzt“) und natürlich Wahlkampfveranstaltungen gleich welcher Partei – komplett alles falsch, künstlich, unnatürlich. So denke ich ja, dass heute die meisten US-Amerikaner Donald Trump für eine verschrobene Disneyfigur halten, die wieder weg ist, sobald sie den Park verlassen.

Damals steckte in Deutschland das Privatfernsehen noch in den Anfängen und machte lediglich durch alberne Verkaufsshows und Hugo-Egon Balders Tittenmäuse auf sich aufmerksam. Fernsehen war weitestgehend eine ernste Sache, auch Unterhaltungsendungen hatten einen Anspruch auf Seriosität.

Printmedien galten als wahrhaftig und glaubhaft, abgesehen von „Bild“ und den diversen Königskackeblättern. Heute wissen wir dank Heinz Schenk und Hape Kerkeling, dass das Leben ein Quiz ist und wir nur die Kandidaten sind. Oder ist es ein Vergnügungspark mit uns als Besuchern? Schauen wir doch mal fern. Dort werden arme Häute mit tumben Bauern verkuppelt, falsche Polizisten jagen falsche Schurken, strunzdoofe Möchtegernmodels spielen in ihrer Fernseh-WG einen Zickenkrieg, und nackte Einzeller glotzen sich auf einer einsamen Insel in den Schritt. Es ist eine Frage der Zeit, bis auch Rainer Calmund dort auftaucht und eine Eva sucht. Das alles wäre nur dusselig, wenn es nicht gefährlich wäre: Es wird nämlich als Realität verkauft, und nicht wenige glauben das.

Doch das Dilemma erstreckt sich nicht nur auf die Privatsender. Im „ZDF-Morgenmagazin“ werden sofort nach dem Vermelden neuer Angriffe auf Aleppo Kaffeehumpen verlost, um dann mit großem Kalau nach Mainz zu „heute“ zu schalten. Selbst einst seriöse Talkformate wie „3 nach 9“ sind in seichteste Gefilde abgeglitten. Die Grenzen zwischen Unterhaltung und Information verschwimmen immer mehr, man hat dafür sogar einen Begriff erfunden, „Infotainment“. Das Fressen ist auch im Fernsehen wichtiger geworden als die Moral, man denke nur an die Köche auf allen Kanälen. Und die Printmedien? Sie haben die Wahl zwischen Rummelplatzjournalismus und sinkenden Auflagen. Nur wenige stemmen sich wacker gegen den Trend.

Das Volk wird also bombardiert mit Trivialem und Gelogenem. Um sich objektiv zu informieren, muss man sich anstrengen. Und das wollen oder können immer weniger, denn sie sind zugekleistert mit glibberigem Schein. Aber wie soll man dann diesen Menschen vermitteln, dass es auch noch Politiker gibt, die redliche Absichten haben, und Journalisten, die Wahrheiten verbreiten?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare