Kolumne

Blühendes jüdisches Leben

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Die Zuwanderung von Juden aus der Sowjetunion ist mitverantwortlich dafür, dass es hierzulande noch jüdische Gemeinden gibt. Zu verdanken ist das maßgeblich der DDR-Volkskammer.

So manche Gedenkrede zur Befreiung von Auschwitz hängt in Gedanken den toten Juden nach. Und was für ein enormer Verlust der Mord an ihnen für Deutschland bedeutet. Meist folgt darauf, wie großartig es sei, dass es wieder ein blühendes jüdisches Leben hierzulande gebe.

Jedes Mal warte ich in den Reden auf diese eine versöhnliche und wundersame Wendung für die Deutschen und ihr Schuldgefühl. Es hört sich an, als wäre nun alles wieder gut. Solche Reden klingen wie: in einer Hand das Schnupftuch – in der anderen die Träne. Beides schön weit voneinander entfernt.

Dass es noch blühendes jüdisches Leben in Deutschland gibt, hat viel damit zu tun, dass der Runde Tisch der DDR in der Wendezeit die Juden aus der Sowjetunion einlud, vor dem Antisemitismus in die DDR zu fliehen. Vor der Einwanderung aus der Sowjetunion gab es nur noch wenige und kleinere jüdische Gemeinden in Deutschland.

Ermöglicht wurde die Zuwanderung durch die neue, demokratisch gewählte Volkskammer. Sie hat eine denkwürdige Erklärung abgegeben, in der sie neben dem Bekenntnis zu Schuld und Verantwortung zur Shoa die Einwanderung verfolgter Juden aus der Sowjetunion beschloss. Als es um die Regelung zur Vereinigung ging, lehnte die damalige Regierung Helmut Kohl es ab, diesen Beschluss zu übernehmen. Bloß keine Ausländer, egal aus welchem Grund – das war die Regel.

Ich war nach der Zeit am Runden Tisch Ausländerbeauftragte in Ostberlin. Wir konnten mit dem Berliner Senat eine Initiative über die Länder starten, quasi an der Bundesregierung vorbei. Mit der Kontingentflüchtlingsregelung kamen etwa 220 000 Juden.

Der Vorstoß, sie wie die drei Millionen Spätaussiedler zu behandeln und mit gleichen Rechten auszustatten, wird bis heute abgelehnt. Obwohl die Juden etwa zur gleichen Zeit Deutschland verlassen mussten, wie jene Deutsche, die im Osten siedeln wollten, gelten sie bis heute nicht als Deutsche. Es bleiben Juden. Sie haben kein deutsches Blut, deswegen gibt’s auch keine Rente.

Auch Anfeindungen, Bedrohungen und offener Gewalt, sind die Menschen der blühenden jüdischen Landschaften heute ausgesetzt. Hilflosigkeit trifft zu oft auf Gleichgültigkeit, wenn es darum geht, Antisemitismus zu ahnden. Schlimmer noch – was antisemitisch ist und vor allem was nicht, das haben nicht die Juden zu bestimmen.

Fragen Sie mal einen Juden, sofern Sie einen kennen, wie es sich anfühlt, ständig erklärt zu bekommen, dass, wenn es um Israel geht, Antisemitismus keine Rolle spielt. Israelkritik – dieses einmalige Wort unter allen Staatskritiken – ist niemals und unter keinen Umständen antisemitisch. Juden in Deutschland werden damit permanent behelligt. Ungewollt und ungefragt. Und keine Antwort darauf ist angemessen.

Dieses blühende jüdische Leben in Deutschland, von dem so oft gesprochen wird, ist keine Population, die sich nach einer Art Katastrophe wieder zu regenerieren und zu erholen beginnt. Nein, die Ermordeten fehlen trotzdem. Sie fehlen mir, schmerzlich und jeden Tag. Selbst wenn es für jeden von ihnen einen glänzenden Stolperstein gäbe, wird es hierzulande nie wieder so funkeln wie vor dem Morden.

Ich wünschte, dass angemessen und mit echter Trauer der Toten gedacht werden würde. Und die Lebenden nicht als Illustration für deutsche Befindlichkeit betrachtet werden. Denn das wollen wir auf keinen Fall.

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