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Schwimmunterricht für Flüchtlingskinder mit Abzeichenübergabe: Nichts alles schwarzmalen, fordert unsere Autorin.

Fremdenfeindlichkeit

Blockade durch Schwarzmalerei

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Ja, es ist vieles schlecht in Deutschland. Aber was hilft es, sich ständig in seinem tiefen Pessimismus zu suhlen? Was sagen die Vielen dazu, die sich engagieren? Die Kolumne.

Eigentlich ist alles gesagt. Dass Kinder aus Einwandererfamilien benachteiligt sind, dass es Flüchtlingen schlecht geht, dass Diskriminierung jeden Tag passiert. Dass die ewige Frage, woher man denn komme, wenn Name und Gesicht nicht deutsch genug erscheinen, niemals aufhört. Auch dass Muslime nicht alle Terroristen sind und dass sich Antisemitismus auch in der deutschen christlichen Mitte findet und nicht ausschließlich bei Anhängern des Islam.

Und selbstverständlich – auch das als Wiederholungsschleife – sind nicht alle Ostdeutschen Nazis und Rassisten. Um Himmels Willen: Rechtsextremisten gibt es überall und die Demokratie ist in Gefahr, sofern es sie hier überhaupt gibt. Kurz: Man dreht sich im Kreis des Kritisierens.

Es war bei einer der vielen Diskussionsrunden der vergangenen Monate, die unter dem Motto standen „Ist nicht alles ganz schrecklich in Deutschland?“ Wegen des Rechtspopulismus und Trump und des Kapitalismus‘? Was kann man da tun? Kann man überhaupt noch?

Die Fragen werden immer schriller. Ich sitze da, erschrocken und verwundert. Erschrocken, weil viele der Diskutanten die immer gleichen, ausgelatschten Wege gehen, ihr oft sehr ideologisches Lamento wiederholen, bis jeder den Begriff Fortschritt für ein Schimpfwort hält.

Wenn das noch nicht reicht, dann kommt die letzte Keule – der allgegenwärtige NEOLIBERALISMUS. Und ich bin verwundert, weil man sich mit solchen Erklärungen der Welt derer annähert, die man doch so heftig kritisiert: der Welt der Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretiker. Die machen doch für alles die fremden Mächte hinter Merkel und die Rothschilds als das große Böse verantwortlich.

Wie können Menschen, die eine offene Gesellschaft wollen, sich selbst so blockieren, frage ich mich. Sie reden vom Hass im Netz und finden, dass Counter-Speech, also Diskussion und eine andere Erzählung, doch besser wären. Dabei wissen sie im Grunde nicht, was sie eigentlich sagen oder erzählen sollen.

Wenn alles schon strukturell falsch läuft, der Rassismus, die sozialen Fragen, die Schulen – eben alles –, was kann da der Einzelne oder können Gruppen ausrichten? Wozu dann überhaupt etwas tun, das für Menschen wirklich etwas ändert? Schuld ist die Struktur?

In Momenten wie diesem, wenn sich alle in ihrem Pessimismus bestätigen, wird mir manchmal bange. Nicht vor den Nazis, Pegidisten, Rassisten in der AfD, sondern weil es für die anderen bequem ist, sich klein zu machen, zu jammern und mit dem bevorstehenden Untergang zu kokettieren.

Es mag ja sein, dass die Kämpfe härter geworden sind, dass sich Deutschland verändert hat, seit die Flüchtlinge kamen. Doch den pessimistischen Energiefressern zu widerstehen, ist genauso nötig, wie den rechten Nörglern standzuhalten.

Mehr als sechs Millionen Menschen arbeiten derzeit ehrenamtlich mit Flüchtlingen. Die Leute sind engagiert, sie gehen wählen, sie verändern Dinge. Sie machen es einfach, trotz der Strukturen, trotz der schlechten Nachrichten, die einem jeden Tag unter die Haut gehen, und trotz aller gebotenen Kritik.

Es raubt mir den Atem, wenn ich davon höre, wie ein jüdischer Junge in der Schule misshandelt wird oder ein muslimisches Mädchen trotz guter Noten auf die Hauptschule kommt. Aber defätistisch aufgeben? Kommt nicht infrage!

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