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Konzerne investieren viel Geld in sogenannte Social Listening Software.

Lücke im Datenschutz

Blinder Fleck: Wir brauchen Regeln für Social-Listening-Daten

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Monsanto sammelt massenweise Daten von Privatpersonen, ohne dass die sich dagegen wehren können. Diese Rechtslücke muss dringend geschlossen werden. Der Kommentar.

Die Anfrage des Umweltinstituts München an die Bayer AG zeigt einen blinden Fleck im Datenschutz, der dringend geändert werden muss. Während Facebook und Twitter zumindest begonnen haben, sensibler mit Daten umzugehen, agieren die Auswerter der persönlichen Informationen aus sozialen Netzwerken nahezu unbeobachtet.

Konzerne investieren viel Geld in sogenannte Social Listening Software. Spezialisierte Digitalagenturen scannen automatisch und massenhaft das Internet nach Stichwörtern und Personen. Durch sogenannte Sentiment-Analysen erfassen die Programme automatisch oder mit menschlicher Einordnung, ob sich die Beiträge positiv, neutral oder ablehnend zum Unternehmen äußern. Manche Analysten gehen noch einen Schritt weiter und vernetzen die Daten zu Profilen. Social Listening ist also mitnichten nur ein harmloses Überprüfen des Erfolgs von Digitalkampagnen.

Es ist legitim, dass sich Unternehmen oder Organisationen in Echtzeit ein Bild über das Stimmungsbild zu eigenen Vorhaben machen. Es ist schon an der Grenze des Akzeptablen, wenn Personen im Web individuell nachverfolgt werden. Auch wenn Bayer schriftlich versichert, „nicht gezielt zu Personen oder Namen“ zu suchen, zeigen die Datensätze ein anderes Bild. Kritiker werden systematisch aus dem Web gefiltert, einsortiert und – das ist das Entscheidende – langfristig in einer Datenbank gespeichert. Völlig inakzeptabel ist, dass dies auch bei Privatpersonen quasi als Beifang geschieht. Nicht weniger als ein Skandal ist, dass Bayer die Löschung der Daten verweigert.

Lesen Sie dazu auch: Chemieriese Bayer späht Privatpersonen aus - und verweigert die Löschung dieser personenbezogenen Daten

Wenn Menschen merken, dass sie erfasst und digital gespeichert werden, müssen sie das Recht haben, die Spuren zu löschen. Was, wenn sie längst ein vorschnell veröffentlichtes Posting auf Twitter wieder entfernt haben? Wenn es rechtliche Gründe für eine Löschung gab? Wenn ein Thema aktualisiert wurde, aber nur die alte Version gespeichert ist? In den Datenbanken bleibt der Datenmüll bis jetzt konserviert.

Wir brauchen klare Regeln für Social Listening: Privatpersonen müssen besonders geschützt werden. Daten müssen nach einer bestimmten Zeit automatisch gelöscht werden und auf Anfrage sofort. Nutzer müssen wissen, wenn ihre Daten für Analysen verwendet werden. Kurz: Firmen brauchen staatliche Kontrolle.

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