Gegen die Nostalgie

9. November 1999: Ein Blick zurück hilft nicht

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Alte Zeitungen schützen einen gegen Nostalgie. Es war nicht alles schlecht - doch an manches will man nicht erinnert werden. Die Kolumne.

Ehrlich: An manchen Tagen fühle ich mich der Gegenwart nicht mehr gewachsen. Es kann an meinem Alter liegen, es kann aber auch an der Gegenwart liegen. In Berlin gab es zum Beispiel gerade eine Festwoche mit Sonderaktionen zum 9. November, und ich bin wahrscheinlich einer der letzten Zeitgenossen, der das Wort „Sonderaktion“ in Kombination mit „9. November“ nicht mit Preisnachlässen für Deutschlandfahnen assoziiert. Aber, wie gesagt: Es kann auch an meinem Alter liegen. In solchen Fällen laufe ich sofort in die Bibliothek, um mich durch das Lesen von Zeitungen gegen Nostalgie zu wappnen. Hier ein Sprung zurück in den 9. November 1999.

Damals waren die Wochenendausgaben noch so dick wie Telefonbücher. Seitenweise gab es Stellen-, Todes- und Immobilienanzeigen. Man konnte erfahren, dass ein ganzes Mietshaus in Berlin-Kreuzberg soviel kostete wie heute eine kleine Vier-Zimmer-Wohnung im gleichen Bezirk, aber nur solange sie im Hinterhaus liegt, sonst wird es teurer.

Auch wurden Beschäftigte von Firmen gesucht, die damals zum Adel der deutschen Industrie gehörten, heute aber verschwunden sind, darunter Hoechst oder Mannesmann, was uns an die Vergänglichkeit allen Reichtums und aller Macht erinnern sollte. TeBe Berlin wiederum war keine preußische Lungenkrankheit, sondern ein Fußballverein, der in der 2. Liga spielte, und Erich Ribbeck amtierte als Trainer der deutschen Nationalmannschaft, woran aber niemand erinnert werden will – es war einfach zu grauenhaft.

Obwohl die Mauer erst zehn Jahre verschwunden war, scheint der Graben zwischen Ost und West nicht so tief gewesen zu sein oder er spielte keine so große Rolle in den Zeitungen wie heute. Nur selten Artikel über die Westdeutschen oder die Ostdeutschen und ihr jeweiliges Seelenleben.

Man dankte Gorbatschow und Bush für die deutsche Einheit, was auf ein vorhandenes historisches Bewusstsein schließen lässt. Die Teilung des Vaterlandes oder Mutterbodens (kreuzen sie die richtige Antwort an) war ja keinen mysteriösen Umständen geschuldet, sondern die Konsequenz aus einigen der ruchlosesten Verbrechen gegen die Menschheit. Wer die Welt beherrschen will und sie in Schutt und Asche legt, muss mit den Folgen leben und sollte für Gnade dankbar sein.

Das alles beherrschende Thema am 9. November 1999 aber war eine Nachricht aus Karlsruhe. Dort hatte am Tag zuvor das Bundesverfassungsgericht das Urteil gegen den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR, Egon Krenz, bestätigt. Er wurde verantwortlich gemacht für das Regime an der deutsch-deutschen Grenze inklusive Schießbefehl, den er bis heute leugnet. Es habe ihn nicht gegeben, sagt er, das wisse er aus eigenem Erleben. Dabei liegt der Befehl schwarz auf weiß vor und jeder Mensch kann ihn lesen. Er lautet: „Zögern sie nicht mit der Anwendung von Schußwaffen, auch dann nicht, wenn Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen.“

Es ist keine Neuigkeit, dass sich Ex-Diktatoren und ihre Gesellen aus der Verantwortung stehlen wollen. Es ist immer erbärmlich, auch in diesem Fall. Krenz rief den Europäischen Gerichtshof an, verlor auch dort, und musste für sechs Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Vier Jahre saß er ab, die meiste Zeit im offenen Vollzug. Heute genießt er an seinem Wohnort an der Ostsee die gute Luft und hält sich weiter für unschuldig. Manche Dinge ändern sich nie, aber die Zeitung von gestern war noch nie so alt wie heute.

Volker Heise ist Filmemacher

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