Kolumne

Die Blauen sind für zu Hause

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Für viele ist Äußerliches nicht mehr so wichtig. Andere tragen schwarzglänzende Handschuhe zum schwarz-weiß Outfit, das ihre Figur perfekt betont. 

Auch wenn im Homeoffice die Jogginghose angesagt ist – vor der Webcam umgibt man sich trotz Freizeitlook bevorzugt mit präsentablem Dekor. Die täglichen Videokonferenzen, denen wir Journalisten auch in Israel zugeschaltet sind, erlauben ja erstaunliche Einblicke ins Private.

Eine Bücherwand etwa macht sich besser als der Klimbim, den manche Expertinnen und Experten offensichtlich daheim umherstehen haben. Als Professor für Architektur sah mein Freund, anderweitig bereits als mein „Significant Other“ vorgestellt, da persönlichen Verbesserungsbedarf.

Kurzerhand hat er die mit Spickzetteln übersäte Pin-Tafel hinter seinem Schreibtisch gegen ein abstraktes Gemälde aus unserem Jerusalemer Wohnzimmer ausgetauscht. Zumindest im Seminar auf der Internetplattform Zoom mit den Studenten wirkt sein Chaos-Büro nun wie das Atelier eines Künstlers.

Jenseits der virtuellen Welt schaut es schon anders aus. Sagen wir es so: Auf den wiederholten Griff zum desinfizierenden Alkoholgel wird in diesen mit Virenängsten angereicherten Frühlingslüften weit mehr Wert gelegt als auf Rasierpinsel oder Wimperntusche.

Fürs Einkaufen reicht es allemal. Aber es gibt bewundernswerte Ausnahmen. Die junge Muslimin etwa, die jüngst zwei Meter hinter mir in der Apotheke wartete. Ihre schwarzglänzenden Gummihandschuhe trug sie wie ein perfekt auf ihr figurbetontes schwarz-weißes Outfit (Kopftuch inklusive) abgestimmtes Accessoire. „Wow, sieht super aus“, machte ich ihr ein Kompliment und fühlte mich mit meinen OP-blauen Dingern an den Händen einmal mehr modisch out. „Sind auch meine Ausgeh-Handschuhe“, wedelte sie mit ihren in elegantes Schwarz eingehüllten Fingern. „Meine Blauen sind nur für zu Hause.“

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, hat die Autorin keine anderen Sorgen? Doch, habe ich. Corona, die allgegenwärtige unsichtbare Gefahr, strapaziert jedes Nervenkostüm, auch meines. Aber dass allzu Menschliches, wie das Bedürfnis zu gefallen, nicht vor dem Virus kapituliert, hat etwas Tröstliches.

Deshalb noch eine Anekdote aus dem vom C-Wort überschatteten Alltag. Auf der Heimfahrt durch Wadi al-Joz, einem heruntergekommenen Viertel in Ost-Jerusalem, blinkte zwischen verrammelten Autowerkstätten das einsame Licht eines Falafel-Stands. Vor dem Eingang war Absperrband gespannt. „Gibt’s hier noch was?“ – „Klar“ rief der arabische Besitzer von drinnen.

Behandschuht schob er zwei Pitas rüber, gefüllt mit Kichererbsenbällchen, die sein zusätzlich mit Mundschutz ausstaffierter Gehilfe frisch frittiert hatte. „Gut, dass ihr die Sicherheitsregeln beachtet“, bedankte ich mich. „Das hat mir eben auch die Polizeistreife bescheinigt“, sagte der Besitzer stolz „Wir seien ein Vorbild in dieser Gegend!“ Wann hat man so was je gehört, dass ein Palästinenser sich mit dem Lob aus dem Munde israelischer Polizisten brüstet?

Corona treibt schon seltsame Eskapaden. Ob von dem Gefühl, im selben Boot zu sitzen, etwas nachwirkt, wenn es irgendwann zur Tagesordnung zurückgeht? Als Sars und Ebola in Afrika wüteten, so berichten Katastrophenhelfer, ließen die Konflikte zwischen Stämmen und Nationen zwar nach, aber flammten anschließend wieder auf. Das baut nicht gerade auf. Und doch wird uns nichts übrigbleiben, als zu unserer aller Existenzsicherung die Welt besser zu machen, als sie ist. Hoffentlich nicht nur zum schönen Schein.

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