Lockerungen der Corona-Maßnahmen

Die neue Normalität wird eine andere sein

  • Daniela Vates
    vonDaniela Vates
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Die Einschränkungen im Alltag werden sicher nicht schnell verschwinden. Erleichterungen sind angebracht, aber zu weit dürfen sie jetzt noch nicht gehen. Der Leitartikel.

Eines zumindest wäre geschafft: An Ostern hat das Coronavirus keine größeren Zusatzchancen bekommen. Aus dem gesamten Bundesgebiet kamen die Rückmeldungen der Polizei: Soweit erkennbar, hielten sich die meisten an die Aufrufe, Kontakte und Besuche zu reduzieren.

Trotz besten Wetters war der Reiseverkehr geringer, Spaziergänge fanden nicht in großen Gruppen statt, Osterwünsche zwischen Enkeln und Großeltern wurden per Telefon oder Videokonferenz ausgetauscht statt persönlich, Gottesdienste waren ohnehin ins Netz verlegt. So alleine wie zur Zeit ist der Papst im Petersdom selten.

Die Feiertage, denen so viel Aufmerksamkeit und so viel öffentliche Warnungen galten, sind vorbei. Mit dem Aufatmen steigt der Erwartungsdruck, zu erfahren, wann Beschränkungen und Verbote ein Ende finden.

Das liegt an einem Datum, das wie eine Verheißung im Raum steht. Am 19. April soll klar sein, wie es weitergeht – am Mittwoch beraten darüber erneut die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder mit Kanzlerin Angela Merkel. Es liegt auch an Nachbarländern wie Österreich, die vorsichtige Öffnungen angekündigt haben. Und es liegt daran, dass über Exitszenarien diskutiert wird.

Die Wissenschaftsakademie Leopoldina hat ihre Empfehlungen vorgelegt und ein vorsichtiges Wiederanlaufen der Wirtschaft in Aussicht gestellt. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hat zur Sicherheit oder auch als Interessent für eine Kanzlerkandidatur ein weiteres Papier verfassen lassen und spricht von einem Neubeginn in „kleinen Schritten“.

Steht der Corona-Exit also kurz bevor? Wohl kaum.

Der 19. April ist als Ende der Osterferien in vielen Bundesländern ein Zwischenziel gewesen. Österreich lässt zwar die Öffnung von mehr Geschäften zu, Schulen allerdings bleiben bis auf weiteres geschlossen, Veranstaltungen abgesagt. Es ist also auch im Nachbarland mehr eine Fortsetzung mit ungewissem Enddatum als ein Ausstieg. Und den Exitszenarien ist bei allen Unterschieden eines gemeinsam: Sie verzichten weitestgehend auf konkrete Termine, sondern nennen Voraussetzungen.

Bei der Leopoldina, in die die Kanzlerin ihr Vertrauen setzt, ist es die ausreichende Vorbereitung der Krankenhäuser. Auch wenn in den Kliniken Betten geräumt und Notfallpläne erstellt wurden, gibt es daran – Stichwort Schutzkleidung – durchaus noch Zweifel. Das Risiko eines Wiederaufflammens des Virus, dessen Ausdehnung sich gerade mal ein bisschen verlangsamt zu haben scheint, will man im Kanzleramt und den meisten Ländern nicht riskieren.

Der Corona-Belagerungszustand wird sich also noch etwas fortsetzen. Lernen, mit der Pandemie zu leben, so heißt das nun. Es wird einen Fahrplan zur Normalität geben als Versuch, etwas Verbindlichkeit zu schaffen in Zeiten der Unsicherheit. Der Zeitplan dazu wird allerdings allenfalls vage sein.

Zu erwarten sind kleine Veränderungen. Weil die Wirtschaft nicht endlos staatlich subventioniert werden kann und ohne Jobs Existenzgrundlagen vernichtet werden. Weil Familien, Alleinerziehende, Kranke, Einsame an ihre Grenzen kommen. Und weil schon alleine das psychologisch wichtige Signal von Bedeutung ist, dass Fortschritte möglich sind.

Viele Herausforderungen sind damit verbunden. Masken tragen, Verzicht aufs Händeschütteln, auf Distanz gehen, all das wird zur neuen Normalität gehören.

Wenn Apps zum Virusüberwacher werden, bedarf der Umgang mit persönlichen Daten einer Debatte. Auch die Frage von Rücksichtnahme und Solidarität stellt sich neu, weil jede Lockerung strenger Regeln dazu einlädt, die Sache nicht mehr ganz so ernst zu nehmen. Aber an welcher Stelle kippt Aufmerksamkeit in gegenseitiges Misstrauen? Es gibt dafür kein Handbuch, aber es ist ein Thema, auf das zu achten sein wird.

Der Bundespräsident hat an die Vernunft appelliert und an das Gemeinschaftsgefühl. Die meisten Bürger haben das bislang ganz gut bewältigt. Es ist eine gute Basis, die nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte. Bund und Länder sollten sich daran nun bei ihren Beratungen erinnern. Aus dieser Krise kommen alle am besten zusammen heraus – nicht gegeneinander.

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