+
Bioökonomie ist mehr als Plastikspielzeug aus Zuckermolekülen.

Gastbeitrag

Die Bioökonomie muss ergänzt werden

  • schließen
  • Peter Gerhardt
    schließen

Es greift zu kurz, wenn man die Wirtschaft nur vonfossil auf biogen umschalten will. Für Nachhaltigkeit muss viel mehr passieren.

Autoreifen aus Löwenzahn und Legosteine aus Zuckerrohr – Produkte, die bislang aus Erdöl gemacht wurden, werden künftig vermehrt aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Dahinter steckt die Idee einer mit biologischen Ressourcen gespeisten Wirtschaft, für die sich der Begriff Bioökonomie etabliert hat.

Die Bundesregierung hat dazu Anfang des Jahres eine ressortübergreifende Strategie vorgelegt und stellt auch das aktuelle Wissenschaftsjahr unter das Bioökonomie-Motto. Folgt man den Gedanken unserer Regierung, dann ist Bioökonomie so etwas wie eine neue Weltformel, die viele Konflikte auflösen kann: Ökologie und Ökonomie werden miteinander versöhnt, und am Ende winkt ein gutes Leben für alle.

Wahrscheinlich aber kommt es ganz anders: Dass eine Wirtschaft auf Basis biogener Rohstoffe innerhalb der ökologischen Grenzen funktioniert, ist längst nicht ausgemacht. Die dazu nötige Biomasse fällt nämlich nicht vom Himmel. Schon heute sind die planetaren Grenzen in vielen Bereichen überschritten.

Der Klimawandel und die Bedrohung der Artenvielfalt bewegen Millionen Menschen in aller Welt. Zudem haben enthemmte Marktkräfte in den letzten Jahrzehnten einen globalen Verteilungskampf um Ressourcen in Gang gesetzt, dessen Ende noch nicht abzusehen ist und der unsere internationale Ordnung zunehmend destabilisiert.

Für eine verantwortungsvolle Bioökonomie muss es daher gelingen, den Rohstoffverbrauch drastisch zu verringern und die wachsenden sozialen Ungerechtigkeiten zu überwinden. Das setzt veränderte Konsummuster, geschlossene Rohstoffkreisläufe sowie eine gerechtere Wirtschaftsordnung voraus. Einfach nur von fossil auf biogen umzuschalten greift deutlich zu kurz. Bioökonomie kann nur dann einen wichtigen Beitrag zur Lösung unserer globalen Herausforderungen leisten, wenn alle Aspekte unseres Wirtschaftens auf den ökologischen und sozialen Prüfstand kommen.

Bislang lässt die Bundesregierung nicht erkennen, dass sie dazu bereit ist. Die Bioökonomie-Strategie nimmt zwar Aspekte der Nachhaltigkeit auf, gewährt aber vor allem Vorfahrt für industrielle Land- und Forstwirtschaft. Ausgerechnet die Landnutzungsformen, die uns inklusive Nitrat-Grundwasser und Artensterben in eine tiefe Krise geritten haben, sollen jetzt die Lösung sein. Paradoxer geht es kaum.

Jonas Daldrup koordiniert bei Denkhausbremen das Aktionsforum Bioökonomie.

Für viele im globalen Süden ist Bioökonomie ebenfalls keine gute Nachricht. Um den Rohstoffhunger unserer Wirtschaft zu bedienen, ist die Branche massiv auf Importe angewiesen – Landraub, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen inklusive. Damit werden die ungerechten Handelsbeziehungen weiter zementiert. Schon heute wächst unser Klopapier in Brasilien auf geraubtem indigenen Land.

Bioökonomie ist mehr als Plastikspielzeug aus Zuckermolekülen. Biologische Produktionsorganismen sollen im Labor Grundstoffe für industrielle Verfahren produzieren. Bioökonomie und Gentechnik sind eng miteinander verwandt. Da passt es ins Bild, dass die Wirtschaft das Gentechnikgesetz unter Beschuss nimmt und dessen Aufweichung fordert. Das bisher geltende Vorsorgeprinzip soll über Bord geworfen werden. Im Gegensatz dazu lehnt die klare Mehrheit der bundesdeutschen Öffentlichkeit Agro-Gentechnik ab.

Die Bioökonomie-Debatte eröffnet aber auch Chancen. Zentrale Zukunftsfragen können hier zusammenlaufen: Derzeit werden wichtige Diskussionen, wie wir in Zukunft leben und wirtschaften wollen, unabhängig voneinander geführt. Dies betrifft Klimaschutz, Artenvielfalt und globale Gerechtigkeit, die auch bei uns vor der Haustür anfängt.

Peter Gerhardt koordiniert bei Denkhausbremen das Aktionsforum Bioökonomie.

Es wird darauf ankommen, dass wichtige Weichenstellungen für Politik und Forschung nicht weiter in industriefreundlichen Fachkreisen gesetzt werden. Die Bioökonomie-Debatte gehört in die Mitte der Gesellschaft, und dabei entstehende Zielkonflikte sollten demokratisch ausgehandelt werden. Es gebührt dem Primat der Politik, die heutige profitgetriebene Ökonomie einzuhegen.

Beim Rendezvous mit der Bioökonomie kommt auch Lego übrigens nicht unschuldig davon: Für sein Bioplastik kooperiert der dänische Spielzeuggigant mit dem brasilianischen Konzern Braskem, der nach Recherchen lokaler Medien tief in einen Korruptionsskandal verwickelt ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare