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Nicht nur der Regenwald (Foto) wird zum Anbau von Zuckerrohr zur Gewinnung von Bio-Sprit abgeholzt - jetzt ist auch das Anbauverbot im Pantanal aufgehoben worden. 

Kolumne

Die Vorsilbe „Bio“ hat ihre Unschuld verloren

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Der Anbau von Zuckerrohr für Biosprit hat vielen Arten das Leben gekostet. Nun droht eine Entscheidung auch dem Riesengürteltier im Pantanal den Garaus zu machen. Die FR-Kolumne.

Was für eine Irreführung! Bio-Treibstoff klingt so positiv, als ob er biologisch unbedenklich sei. Jetzt aber hat die Vorsilbe „Bio“ ihre Unschuld verloren. Der Amazonas-Regenwald wird abgeholzt, denn dort soll vor allem Zuckerrohr angebaut werden. Das hat inzwischen weltweit Besorgnis ausgelöst.

Nicht etwa braucht die Welt mehr Zucker, sondern aus der Pflanze wird der angebliche Bio-Sprit Ethanol gewonnen. Sozusagen im Windschatten dieser Entscheidung hat der brasilianische Präsident nun auch das Anbauverbot für Zuckerrohr im Pantanal aufgehoben.

Das bringt zwar brasilianische Naturschützer auf die Palme – rein bildlich, denn davon werden nicht viele übrig bleiben. Aber es löst keinen globalen Sturm der Entrüstung aus. Dazu ist dieses riesige Feuchtgebiet im Herzen Südamerikas zu wenig im Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Bio-Treibstoff gefährdet den Amazonas-Regenwald 

Dabei könnte dieses neue Dekret das Aus bedeuten für diesen bisher intakten Lebensraum, ein Ökosystem voller Leben und Arten, in dem sogar Viehwirtschaft und Naturschutz miteinander existieren können, sehr zur Freude auch des Jaguars.

Besonders schlimm trifft diese Entscheidung aber eines der merkwürdigsten und bedrohtesten Tiere des ganzen südamerikanischen Kontinents. Fast alles, was man bisher über Riesengürteltiere zu wissen glaubte, stellte sich als falsch heraus. Man wusste immerhin, dass sie bis 50 Kilogramm schwer werden und nachtaktiv sind.

Forschungen der letzten Jahre haben ergeben, dass diese seltenen Lebewesen erst mit acht Jahren geschlechtsreif werden und innerhalb von vier Jahren nur ein einziges Jungtier bekommen, sich also sehr langsam vermehren. Zudem sind sie sozusagen die Hotelbesitzer für viele andere Tiere, von Schildkröten und Schlangen bis hin zu Tamanduas, einer Gattung der Ameisenbären.

Sie nutzen die tiefen Bauten, welche die Gürteltiere graben, aber selbst nur kurze Zeit darin verweilen. Darin herrschen bei Hitze wie bei Kälte angenehme 25 Grad. Es ist sogar beobachtet worden, dass ein Ozelot ab und zu vorbeischaut, ob sich gerade etwas Essbares eingenistet hat. Die Höhlen sind sozusagen Hotel und Vorratskammer zugleich und das Gürteltier ist der Bauingenieur für eine illustre Lebensgemeinschaft. Ihr droht der Zuckerrohranbau im Pantanal nun ein hässliches Ende zu bereiten.

Gürteltier droht auszusterben 

Unter all den Arten, die dem Anbau von Biospritpflanzen in den Tropen bisher zum Opfer gefallen sind, ragt der Mitu in Brasilien besonders hervor. Dem gänsegroßen Hühnervogel mit dunkelblauem Gefieder und auffallend rotem Schnabel hatte die Jagd auf sein schmackhaftes Fleisch schon sehr zugesetzt, als die Abholzung seiner Wälder begann. Naturschützer fingen die wenigen verbliebenen Tiere ein.

Heute lebt der Mitu nur noch in wenigen Einrichtungen, so im für seine Schutzaktivitäten und Zuchterfolge bekannten Vogelpark am Rande des brasilianischen Iguazu-Nationalparks mit den wunderbaren Wasserfällen.

Im Freiland ist er ausgestorben. Wiederauswilderung ist kaum möglich, denn seinen Lebensraum gibt es nicht mehr. Eines hat der Mitu dem Riesengürteltier eindeutig voraus, er konnte in menschlicher Obhut gezüchtet und erhalten werden. Gäbe es im Tierreich eine Bewegung „Biosprit – nein danke!“ wären diese beiden Arten sicher ihre prominentesten Fürsprecher. Sie könnten menschliche Protestunterstützer dringend gebrauchen.

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