Andernorts frisst unser Fleisch Wald und Wildnis auf, weil das billige Futtermittel Soja dort riesige Flächen braucht.
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Andernorts frisst unser Fleisch Wald und Wildnis auf, weil das billige Futtermittel Soja dort riesige Flächen braucht.

Gastbeitrag

Billigfleisch hat seinen Preis

  • vonTanja Dräger de Teran
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Fleisch wird nicht nur unter schlechten Bedingungen für Mensch und Tier produziert. Die Produktion belastet die Umwelt und vernichtet Wald. Der Gastbeitrag.

  • Fleisch und Wurst sollen gut und billig sein
  • Billigproduktion belastet Mensch und Umwelt
  • Ein Gastbeitrag von Tanja Dräger de Teran vom WWF

Entsetzt reagieren wir in den letzten Tagen, Wochen und Monaten auf die Nachrichten aus hiesigen Schlachtbetrieben über die sozialen Zustände in der deutschen Fleischerzeugung. „Verantwortungslos. Würdelos. Skandalös. Die Politik muss handeln!“, sagen wir dann. Beim nächsten Einkauf im Supermarkt schauen wir beim Preis genau hin – die Chicken Wings sind heute günstig, prima.

Gut und billig soll unser Fleisch sein, unsere Wurst, unser Käse, unsere Milch. Doch billig hat seinen Preis. Etwa den Preis, dass in der fleischverarbeitenden Industrie Menschen aus Osteuropa als Billiglohnkräfte verheizt werden. Oder den Preis, dass Tierwohl kleingeschrieben wird.

Billigfleisch: Darauf einen leckeren Burger

Wenn es um die Mutation von Viren und deren Übertragung auf Menschen geht, zeigen wir angesichts von Corona mit dem Finger auf ferne Länder. Wir reden über Wildtiermärkte in Wuhan, Buschfleisch in Afrika und immer wieder über Fledermäuse. Wir schütteln den Kopf über Ernährungs- und Lebensweisen in Südostasien und Afrika. HIV, Ebola, Sars, Mers & Co. – ihr Ursprung liegt woanders, der Funke springt eben in globalisierten Zeiten schlicht schnell über. Das Problem aber sind „die anderen“. Darauf erst mal einen leckeren Burger um die Ecke.

Wir haben als Konsumentinnen und Konsumenten von Fleisch, Wurst und Milchprodukten in Deutschland mehr mit dem weltweit wachsenden Risiko der nächsten Übertragung einer Zoonose auf den Menschen zu tun, als wir wahrhaben wollen. Der nächste Virensprung von Tier zu Mensch liegt vielleicht ganz nah – im Stall um die Ecke.

Multiresistente Bakterien vom Tier in den Menschen 

Die Spanische Grippe stammte wahrscheinlich aus einem nordamerikanischen Hühnerstall. Das Schweinegrippevirus von 2009 wurde erstmals unweit von einem Schweinemastbetrieb in Mexiko nachgewiesen. Nutztiere spielen weltweit eine Rolle als potenzielle Überträger von Viren. Das kann jederzeit auch in Deutschland der Fall sein.

Zur Zoonosengefahr gesellt sich die Resistenzfalle: Zwar ist der Einsatz von Antibiotika in der Schweinehaltung in den letzten Jahren zurückgegangen. Dennoch werden insbesondere bei Mastkälbern und -hühnern weiter Antibiotika angewendet.

Im Stall bilden Keime Resistenzen; multiresistente Bakterien können durch die Stallabluft, durch Gülle und durch das Fleisch der Tiere auf den Menschen wechseln. Die derzeitige Intensivtierhaltung ist nicht nur ethisch fragwürdig. Sie ist ein Gesundheitsrisiko.

Rindermastanlagen produzieren zu viel Stickstoff

Faktor Umweltrisiko Fleisch: In einigen Regionen Deutschlands wie dem Oldenburger Münsterland produzieren Geflügel-, Schweine- und Rindermastanlagen viel zu viel Stickstoff, der als Teil reaktiver chemischer Verbindungen Probleme schafft: Zu hohe Nitrateinträge durch Gülle und Mist auf viel zu wenig Fläche bereiten Trinkwasserversorgern vielerorts Sorge.

Stickoxide sind Luftschadstoffe, ebenso wie Feinstaubverbindungen, bei denen Ammoniak im Spiel ist. Lachgas, was aus überdüngten Böden entweicht, ist wiederum ein Klimakiller. Auch so sorgt die Art und Weise, wie wir Fleisch für Deutschland und den Weltmarkt erzeugen, für steigende Gesundheitsrisiken um uns herum.

Auch Soja ist ein Risiko

Andernorts frisst unser Fleisch Wald und Wildnis auf, weil das billige Futtermittel Soja dort riesige Flächen braucht. Die EU ist hinter China der zweitgrößte globale Importeur von Soja. In unseren Futtertrögen landet Lebensraum von Menschen und Tieren. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass das in die EU importierte Sojaschrot aus Gebieten mit einem hohem Entwaldungsdruck stammt wie Brasilien. Neben dem Verlust einzigartiger Savannen und tropischer Wälder geht dies auch auf Kosten des Klimas. Verschwindet Wald für Acker, werden Treibhausgase frei.

Wir brauchen einen breiten gesellschaftlichen Dialog über den Wert von Lebensmitteln und Natur und über die Wertschätzung für nachhaltige Tierhaltung und landwirtschaftliche Praxis in Deutschland. Wir müssen uns bewegen und verändern.

Billigfleisch: Die Regierung ist gefragt

Sicher, die Bundesregierung ist gefragt, die Ausbeutung von Menschen im Schlachthof gesetzgeberisch zu beenden. Sicher, die Bundesregierung hat den Einstieg in mehr Tierwohl und Umweltschutz im Stall und auf dem Acker jahrelang verschleppt. Die Verantwortung für eine Lebensmittelerzeugung, von der deren Produzentinnen und Produzenten leben können, die tiergerecht ist und Boden, Wasser, Klima und Artenvielfalt schützt, liegt aber nicht allein in den Händen der Politik, des Lebensmitteleinzelhandels oder der Landwirte.

Sie schließt uns als Verbraucherinnen und Verbraucher genauso ein. Zurzeit stammt aber beispielsweise nur knapp ein Prozent des in Deutschland verkauften Fleisches aus dem Biolandbau. Veränderung beginnt bei uns auf dem Teller. (Tanja Dräger de Teran ist beim WWF Deutschland Expertin für nachhaltige Ernährung.) 

Nach der Kritik fragen sich viele: Wo ist Fleisch von Tönnies drin. Wir haben eine Übersicht zusammengestellt. Ein Video vom „Deutschen Tierschutzbüro“ offenbart jetzt, wie Schweine bei einem Tönnies-Zulieferer in Rheda-Wiedenbrück gequält werden.

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