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Bildung

Bildungshunger nicht bremsen

Die Berufswahl ist frei. Die Politik hat kein Recht, sie durch „präventive Beratung“ dem Marktbedarf zu unterwerfen.

Von Elmar Unland

Die Zahl der Studienabbrecher steigt, wie der kürzlich veröffentlichte diesjährige Bildungsbericht zeigt. Dass die politische Klasse darauf antwortet, indem sie den Bildungshunger präventiv bremsen will, ist eine Zäsur. In den 70er Jahren wollte die Bundesrepublik unter anderem mit Bildungs-Förderung die Emanzipation der Menschen in der Dritten Welt ermöglichen; an den Mächtigen, Despoten und Profitgierigen vorbei. Als vor sechs Jahren Angela Merkel die „Bildungsrepublik Deutschland“ ausrief, war die Umdeutung des Begriffs „Bildung“ längst im vollen Gang. Die Begriffe meinen nicht mehr, was sie bedeuten; oft bedeuten sie genau das Gegenteil. Präventiv, „das heißt, wenn jemand Abitur macht, dass er individuell beraten wird“, so Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Sie meint das so, und genau das ist das Problem in Deutschland. Nicht nur dort, aber dort besonders gravierend, weil viele in Deutschland meinen: „Wir stehen doch ganz gut da.“

Es stimmt: Viele in Deutschland stehen ganz gut da. Viele aber auch nicht.

Unter den vielen, die nicht gut da stehen, gibt es wiederum viele, die einiges unternehmen, um besser dazustehen. Sie machen Abitur und wollen studieren. Der Bildungsdurst ist in Deutschland ungestillt. Die Steigerung der Zahl der Studienanfänger ist ein Beweis, den auch die politische Klasse anerkennt: „Sie können den jungen Leuten nicht verbieten, die Chancen, die sich aus einer akademischen Ausbildung ergeben, zu ergreifen“, so Wanka. Die präventive Herangehensweise klingt deshalb wie eine Drohung: Die Berufsberatung schon während der Schulzeit – womöglich durch Arbeitsbehörden – soll Bildungsbedürfnisse in den anonym ermittelten, augenblicklich projektierten Bedarf am Arbeitsmarkt umdeuten.

Angemessen wäre dagegen vielmehr, aus den Ursachen der Abbrüche Konsequenzen zu ziehen. Wer sein Studium abbricht, tut dies seit der Agenda 2010 vor allem aus Armut – entweder die Studierenden selbst oder ihre Eltern sind unmittelbare Opfer der Arbeitsmarktreformen. Nach Selbstauskunft von Studienabbrechern scheitert ein Fünftel an finanziellen Hindernissen, ein Drittel gibt Überforderung an – eben auch wegen der Mischorganisation von Erwerb und Studium.

Besser wäre also, die absichtsvolle Öffnung der Armuts-Reichtums-Schere seit Rot-Grün absichtsvoll und systematisch wieder zu schließen. Die Bildungsminister in Bund und Ländern sehen das nicht als ihre Ressortverantwortung an. Dies ist nicht einfach nur Spartendünkel, sondern Teil der Systematik fortdauernden Unrechts in der bundesdeutschen Politik.

Das „Wir stehen doch noch gut da“-Deutschland steht nicht wirklich viel besser da als das Immobilienblasen-geschüttelte Spanien, Beispiel EU-Förderregion Kanaren: In der intellektuellen Hauptstadt der Kanaren, La Laguna, Teneriffa, brachen in diesem Frühjahr zwölf Prozent der Studierenden aus Armutsgründen ein Studium ab. Der Abbruch ist europaweit typisch, nicht Folge unzureichender Beratung in Deutschland.

Das Recht auf Bildung hat schon länger eine relative Gültigkeit in Deutschland. Der SPD-Denker Julian Nida-Rümelin spricht angesichts der steigenden Zahl von Studienanfängern sogar von einem „Akademisierungswahn“. Die soziale Ausgrenzung in der Bildung ist ein Kennzeichen des Bildungssystems seit seiner Gründung.

Dennoch: Die Sparkassenphilosophie der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts: „Kannste was, haste was, haste was, biste was“, stimmt nicht mehr. Leistung und Erfolg sind im Finanzkapitalismus nicht mehr so aneinander gekoppelt, wie das früher die bürgerliche Gesellschaft postulierte. Bildung ist für das Leistungsvermögen sogar schon mancherorts ein Unsicherheitsfaktor.

Wer das Bildungs-Desaster in Deutschland nicht schön reden sondern überwinden will, muss über den Tellerrand hinaus gucken. Nicht der Bedarf, sondern Bedürfnisse müssen befriedigt werden – „für eine humane Gesellschaft“; ein Slogan der Jungen Union in den 70er Jahren. Der Abgleich mit dem Bedarf am Arbeitsmarkt folgt darauf und ist eine Entscheidung des mündigen Bildungs-Bürgers in Ausübung seines grundgesetzlich verbrieften Rechts auf freie Berufswahl – und keine Verwaltungsaufgabe nach politischen Bedarfsprojektionen. Politik darf nicht länger über Menschen verfügen, sie als Objekte ihres Handelns in eine Systematik ihrer anscheinend rationalen Prämissen einbinden, sondern muss sie als Subjekte erkennen. Das erfordert eine völlige Umkehr der

Denkgewohnheiten der politischen Klasse, wie sie in einem Satz der Grünen-Spitzenfunktionärin Renate Künast zum Ausdruck kommt: „Unser Ziel ist es, dass bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode jedes Berliner Kind mit altersgerechten Deutschkenntnissen an die Schule kommt, damit es in der Schule eine reelle Chance hat und ein vernünftiger Unterricht möglich ist.“

Stellt man den Künast-Satz vom Kopf auf die Füße, würde er angemessen lauten: Unser Ziel ist es, dass bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode jede Berliner Schule kindgerechten Unterricht anbietet.“ Die Begriffe müssen wieder ihren angestammten Bedeutungsgehalt erlangen. „Prävention“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet: zuvorkommen, vereiteln, verhindern. In der Bildungspolitik kann es ihrem Zweck nach aber nur um Ermöglichung gehen.

Denn Bildung ist kein Luxusgut, sondern ein Grundbedürfnis.

Elmar Unland ist Autor und Kommunikationstrainer.

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