Leitartikel

Die Bildungs-Egoisten

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Nicht einmal auf ein beratendes Gremium können sich die Bundesländer einigen. Aber es bleibt dabei, dass Deutschland vergleichbare Anforderungen für alle braucht.

Für Familien mit Kindern ist es ohnehin eine Extremsituation, wenn die Eltern aus beruflichen Gründen in einen anderen Teil des Landes ziehen. Die Eltern müssen sich in neuen Jobs zurechtfinden, die Kinder müssen neue Freunde suchen. Zu allem Überfluss kommen oft noch schulische Probleme dazu.

Für jeden, der nicht aus Deutschland stammt, muss es lächerlich klingen, wie eine schlecht ausgedachte Geschichte. Dennoch ist es in diesem Land bittere Realität: Ein Umzug von Köln oder Frankfurt nach München kann für manche in einer persönlichen Bildungskatastrophe münden. Eben weil die Lehrpläne zwischen den einzelnen Ländern unterschiedlich sind. Ganz zu schweigen von der Frage, wie groß oder klein die Lernerfolge an den Schulen tatsächlich sind.

Es ist ein Dauerthema, dass es mehr Qualität, Transparenz und Vergleichbarkeit in der Bildung geben muss. Dennoch haben sich Union und SPD – neben dem überfälligen Digitalpakt für die Schulen – vor knapp zwei Jahren in den Koalitionsverhandlungen auf kaum mehr verständigen können als auf einen Nationalen Bildungsrat. Hier sollten Experten der Politik Empfehlungen geben, wie sich das Bildungssystem verbessern ließe. Ein kleines, vernünftiges Projekt – weit entfernt von einem großen Wurf.

Jetzt stellt sich heraus: Bund und Länder werden noch nicht einmal das zustande bringen. Bayern und Baden-Württemberg machen nicht mit. Der Nationale Bildungsrat ist damit tot.

Es ist eine Farce, dass die großen Parteien nicht mal ein so winziges Projekt in die Spur setzen können. Da darf es CDU, CSU und SPD nicht wundern, wenn aus großen Parteien immer kleinere werden.

Versagt haben viele. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) ist es nicht gelungen, die Länder klug zu umgarnen. Sie hat sich im Kampf um Stimmrechte im Verwaltungsrat des Gremiums verzettelt. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der das Projekt zum Einsturz gebracht hat, behauptet allen Ernstes, das kleine Empfehlungsgremium wäre zu einem „bürokratischen Monstrum“ geworden.

Die Wahrheit ist: Söder will sich – wie manch andere Ministerpräsidenten und Kultusminister – nicht von einem Expertengremium Empfehlungen geben lassen. Er und andere stehen deshalb auf der Bremse, weil die Bildungspolitik nun mal die wichtigste Kompetenz der Länder ist. Söder, der sich ohnehin für einen bombastischen Typen hält, gefällt sich bestens in der Angeberpose desjenigen, der signalisiert: Das bayerische Abitur ist das Beste – wir wollen keinen Rat von anderen!

Doch es könnte sich noch herausstellen, dass die Bayern ein Eigentor geschossen haben. Denn der Druck auf die Länder, die Probleme mangelnder Vergleichbarkeit im Bildungssystem jetzt selbst zu lösen, dürfte noch einmal erheblich zunehmen.

Es muss sich gewaltig etwas ändern. Das hat auch die Aufregung über das Mathematik-Abitur in diesem Jahr gezeigt. In mehreren Ländern fanden die Schüler ihre Prüfung zu schwer.

Es gibt zwar einen gemeinsamen Aufgaben-Pool der Länder. Doch jedes Land entscheidet selbst, wie viele Aufgaben es daraus entnehmen möchte. Am Ende bewerben sich alle Schülerinnen und Schüler mit ihrem Abiturschnitt um dieselben Studienplätze, obwohl das Abitur unterschiedlich schwer ist. Die Länder müssen jetzt per Staatsvertrag zu einem bundesweiten Zentralabitur kommen. Dringend.

Deutscher Bildungsföderalismus, das heißt viel zu oft: Jeder macht, was er will. Das ist genau so sinnvoll, als hätte jedes Bundesland seine eigene Währung. Der Bildungsföderalismus muss jetzt Reformen hin zu höherer Vergleichbarkeit hinbekommen – oder er verspielt seine Legitimation.

Ein Kind darf nicht in der Schule darunter leiden, dass die Familie umzieht. Und: Es darf nicht zuerst darum gehen, ob ein Bundesland in Bildungsstudien ein bisschen besser abschneidet als in anderen. Das Ziel muss sein, dass Deutschland insgesamt besser wird. Dazu braucht es gemeinsame Anstrengungen aller Länder und des Bundes. Verbesserungen müssen schneller möglich sein als in der Vergangenheit. Sonst droht Mittelmaß in der Endlosschleife.

Das alles ist so offensichtlich, dass man es auch mit einem bayerischen Abitur verstehen können sollte.

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