Bildung für alle - jetzt

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Die OECD-Studie hat mal wieder herausgefunden: Das Bildungssystem hierzulande ist ungerecht. Wann gelingt es hiesigen Politiker endlich, dieses Resultat zu verhindern?

Man stelle sich nur einmal einen Autobesitzer vor, der seinen Wagen zur Werkstatt in die Inspektion bringt. Der Kfz-Mechatroniker sagt das Offensichtliche: Es gibt Probleme mit dem Motor, die Hintertür klemmt – und das Rücklicht funktioniert nicht. Der Kunde legt sorgenvoll seine Stirn in Runzeln. Dann sagt er: „Das ist ja fürchterlich! Polieren Sie den Wagen bitte recht ordentlich.“

So in etwa geht es zu in der deutschen Bildungspolitik – jedenfalls, wenn es um die Frage der Chancengleichheit geht. Spätestens seit dem Pisa-Schock im Jahr 2001 muss jedem klar sein, dass hierzulande Bildung bedauerlicherweise viel zu eng an die soziale Herkunft gekoppelt ist. Doch seitdem hat sich in dieser Frage nichts grundlegend geändert.

Jede neue Untersuchung ergibt den immer gleichen bedrückenden Befund: Die Möglichkeiten, die Vater und Mutter nicht hatten, bleiben auch ihren Kinder oft verstellt. Auch die neue Pisa-Auswertung zeigt: Nur knapp 15 Prozent der Erwachsenen mit Eltern ohne Abitur erreichen in Deutschland ein abgeschlossenes Hochschulstudium – deutlich unter dem OECD-Durchschnitt.

Dieser Missstand verletzt grundlegende Versprechen, die eigentlich zur DNA unserer Gesellschaft gehört haben. Erstens: Es soll den Kindern einmal besser gehen als den Eltern. Und zweitens: Wer sich anstrengt, wird belohnt. Genau das gilt – allen beeindruckenden Aufsteigergeschichten zum Trotz – noch lange nicht für alle. Das ist ein Jammer. Nicht nur für die Betroffenen, sondern für das ganze Land.

Denn jungen Menschen – ob arm oder reich, ob mit oder ohne Migrationshintergrund – Bildungschancen vorzuenthalten, ist nicht nur fahrlässig. Es ist sehr dumm. Vielen Branchen mangelt es in Zeiten des demografischen Wandels an Fachkräften. Tendenz steigend. Zugleich machen die Digitalisierung und schnelle Schübe in der technologischen Entwicklung lebenslanges Lernen notwendig. Die Fähigkeit, solche Anforderungen zu bewältigen, muss früh trainiert werden. Deutschland verspielt seine Zukunftschancen.

Auch einige Verbesserungen – etwa bei den Werten von Schülern aus ökonomisch schwierigen Verhältnissen im Lesen und in Mathematik – können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Reparaturen am Bildungssystem nicht konsequent genug umgesetzt werden. Ein Beispiel ist die frühkindliche Bildung. Immer mehr Kinder besuchen die Kita oder den Kindergarten. Doch die große Qualitätsoffensive bleibt aus. Wann wird so in Personal investiert, dass die Kita ein Platz des spielerischen Lernens ist?

Die OECD-Daten zeigen: Dort, wo Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen zusammen lernen, schneiden auch diejenigen mit den schlechteren Startchancen besser ab. Gerade in Großstädten gelingt diese Mischung an vielen Schulen nicht. Was tun? Schüler mit Bussen – wie zu Zeiten der US-Bürgerrechtsbewegung – zwangsweise an andere Schulen zu bringen, kann nicht die Lösung sein. Faire Bildungschancen sind schon eine städtebauliche Aufgabe – da es in jedem Viertel für Menschen unterschiedlicher Einkommen Wohnraum geben müsste. Das bräuchte Jahrzehnte – und die realen Entwicklungen weisen gerade eindeutig in eine andere Richtung.

Die kurzfristige Möglichkeit ist: Brennpunktschulen müssen so viele Lehrer, Sozialarbeiter und eine so gute Ausstattung erhalten, dass sie ihre Aufgaben wirklich bewältigen können. Im besten Fall müssen sie attraktiv für alle werden.

Das ist auch deshalb wichtig, damit Schulen die Herausforderungen bewältigen können, die aus Migration und einer auch sonst zunehmend vielfältigen Schülerschaft entstehen. Gerade dort, wo sich Integrationsschwierigkeiten und soziale Probleme mischen, ist die Aufgabe für die Lehrer riesengroß. Den üblichen Personalschlüssel anwenden und sonst wegschauen – das kann die Politik zwar machen. Aber sie löst keine Probleme. Und schafft sich immer neue für die Zukunft.

Eines ist anhand der OECD-Daten aber auch vollkommen klar: Die Probleme im deutschen Bildungssystem kommen nicht von außen, sondern liegen seit langem im System selbst. Wenn der Motor eines Autos nicht funktioniert, ist es egal, wer drinsitzt. Der Wagen bleibt auf der Stelle.

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