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„Bild“-Chef Julian Reichelt lässt sein Blättchen nun auch über die Bildschirme flattern - und lässt dabei einen künstlich hergestellten „Volkskörper“ die übliche Springer-Propaganda wiederkäuen.

„Bild“-Zeitung

TV-Talk-Trash mit Julian Reichelt: „Bild“ dir deinen Volkskörper

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Die „Bild“-Zeitung will den TV-Markt erobern - etwa mit einer Talk-Sendung. Doch die ist so erschreckend schlicht, dass sich kein Mitbewerber grämen muss. Die Kolumne.

Für Julian Reichelt ist es der ganz große Coup. Der „Bild“-Chef will den TV-Markt erobern, künftig soll das Springer-Blättchen auch über die Mattscheibe flimmern – authentisch, volksnah, „Bild“ halt. „Wir sind selbstbewusst genug zu glauben, dass es genug Menschen gibt, die lieber das schauen, was ‚Bild‘ zeigt, als etwas anderes“, formulierte Reichelt bereits seine Kampfansage an die Öffentlich-Rechtlichen, die sich demnächst wohl ganz warm anziehen müssen.

Zunächst jedoch backen die Quotenkönige in spe kleinere Brötchen und testen online aus, wie es um die Schmerzgrenze ihrer potentiellen TV-Zuschauerinnen bestellt ist. „Hier spricht das Volk“, heißt die „erste Talkshow, bei der ganz normale Menschen, wie Sie, zu Wort kommen“. Tatsächlich die erste? Das ist natürlich Unfug, aber in ihrer Volksnähe wollen sie nun mal einzigartig sein: „Das sind meine Gäste: Annetta, 27; Bruno, 70; Nils, 29 …“. Es werden noch zwölf weitere folgen, die der Neumoderator als einen „Querschnitt Deutschlands“ markiert. Auf die Frauenquote dürften sie geachtet haben, sechs Frauen und neun Männer, eine Hylia oder einen Mehmet sucht man hingegen vergeblich.

„Bild“-Talk im TV: Meinung ist gewünscht – aber natürlich ohne diese Gutmenschen-Knebel

Beim „Bild“-Talk bleiben sie unter sich, immerhin wollen „diese Menschen uns erzählen, wie sie wirklich denken“. Also ohne diese ganzen Gutmenschen-Knebel der Unfreiheit und Verbote, die das („Bild“)-Volk alltäglich gängeln, nein, Meinung frei von der Leber weg ist gewünscht im Springer-Universum – wäre natürlich praktisch, wenn man sich die Meinung vorab bei „Bild“ gebildet hat.

Der „Querschnitt“ sitzt im Studio wie in der Schule, und Vertrauenslehrer Reichelt fragt denn auch die Stimmung zum jeweiligen Thema per Meldezeichen ab. Um es dann mal mehr, mal weniger im Schweinsgalopp abzufrühstücken. Beispiel Gerechtigkeit: Sind alle Löhne gerecht? Nein. Sind die Mieten zu hoch? Ja. Gibt es Altersarmut? Ja. Sind die Renten zu niedrig? Ja – unter anderem, weil die „Gutmenschenabgaben für die ganze Welt“ geleistet werden müssten (Michael, 55).

„Bild“ will TV-Markt erobern: Julian Reichelt führt ganz im „Bild“-Style in die Themen ein

„Kurzes Handzeichen, wer von Ihnen hat heute Abend ein Messer dabei?“, fragt Reichelt, der ganz im „Bild“-Style in den Themenkomplex „Sicherheit, Kriminalität und Migration“ einführt. Doch die Problematik „jüngere Messer-Gewalt in Deutschland“ bezogen auf seinen Beruf will Polizist Nils dummerweise gar nicht bestätigen. Das Thema sei vielmehr in den Fokus gerückt, beispielsweise durch die „Bild“, aber dafür ist sie ja auch da.

Im Schweinsgalopp werden in der „Bild“-Talkshow die Themen abgefrühstückt.

Wer sich „unsicherer fühle als früher“, also, bevor diese Merkel die ganzen undeutschen Massen in unser Deutschland gelockt hat, will der Vertrauenslehrer nun wissen. Anne-Christin, 24, zumindest hat kein Sicherheitsproblem; Tobias, 40, sieht das anders. Diese ganzen Gruppen auf der Straße und überhaupt habe „diese Jugend“ keinen Respekt mehr. „Früher sind sie in der Bahn aufgestanden“, wann früher, möchte man fragen, muss man aber gar nicht, denn Nils klärt auf: „Die Jugendgewalt geht seit zehn Jahren massiv zurück.“

 „Bild“-Talk im TV: Julian Reichelt bedient das neurechte Narrativ des Meinungsdiktats

Reichelt hat seinen Trumpf aber noch im Ärmel, das Meinungsfreiheit-Ass. Immerhin ist das diesbezüglich angebliche Defizit das Fundament des Volks-Talks. Ob sie noch folgenlos sagen dürften, was sie denn wollen, fragt er scheinheilig, um damit hemmungslos den neurechten Narrativ des Meinungsdiktats zu bedienen. Punktuell bekam er, was die Kollegen von der AfD auch erzählen, nämlich dass angeblich bestimmte – de facto tagtäglich medial geführte – Diskurse nicht mehr geführt werden dürften. Aber, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, wo sei der Ort, es auszusprechen? Klaro, bei der „Bild“, denn dort, wie „die Sendung bewiesen hat“ kommt man zu Wort und kann seine Meinung sagen.

Das ist tatsächlich die Quintessenz des Vertrauenslehrers, und wer sich als Teil des Volkes „Querschnitt“ wähnt, dürfte sich ordentlich verschaukelt vorkommen. Beziehungsweise einfach als Staffage für ein groß angelegtes Marketingprojekt, das einen künstlich hergestellten „Volkskörper“ die übliche Springer-Propaganda wiederkäuen lässt. Vermutlich müssen sich die Öffentlich-Rechtlichen doch nicht ganz so warm anziehen.

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