Sie wurde nicht von "Bild" zur Fahndung ausgerufen. Kevin hingegen schon.
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Sie wurde nicht von "Bild" zur Fahndung ausgerufen. Kevin hingegen schon.

G20

Besserpresse versus "Bild"

  • vonAndré Mielke
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Beide wurden bei frevelhaften Taten fotografiert. Ist es beim einen böse, die Bilder zu zeigen, und beim anderen nicht? Und wenn ja, warum eigentlich? Die Kolumne.

Erinnert sich jemand an Harald Ewert? Klar. Sein Foto kennt jeder, zumindest die Zeitungsleser über 45 – und, he, wer hier ist das nicht? Aber von vorn: „Bild“ hat Verdächtige zur Fahndung ausgeschrieben. Das Zentralorgan für Würde und Wahrheit druckte Steckbriefe von Teilnehmern der Hamburger Hungerunruhen. Sie hatten, allem Anschein nach, Fanalfeuer entfacht, Robby-Bubble-Kindersekt aus einem autonom geöffneten Rewe-Markt geborgen und das Aufprallverhalten einer Fritz-Kola-Flasche am Polizeiobermeister studiert.

Kevin wohnt bei Oma

Schnell stellte das Blatt einen Steinewerfer oder der sich: „Er heißt Kevin, ist 19 und wohnt bei seiner Oma.“ Sensiblere Medien waren empört: Persönlichkeitsrechte? Unschuldsvermutung? „Bild“ als selbstermächtigter Hilfssheriff? Stimmt, das hat einen, wie wir Junk-Food-Kenner sagen, Hautgout.

Doch im Furor gebar die Besserpresse auch Erstaunliches. „Spiegel Online“ etwa sah kaum veritable Delikte: „Ein einfacher Flaschenwurf wäre in der Regel keine schwere Straftat, zwei geklaute Sektflaschen sind es schon gar nicht.“

Nun, Plünderung ist schwerer Landfriedensbruch. § 125a StGB. Tut mir leid. Steht da. Das bringt bis zu zehn Jahre, egal, ob Robby mit oder ohne Bubble. Und wer es „in der Regel“ für pillepalle hält, Menschen durch Leergut zu beschädigen, benutzt einen dekalibrierten Sittenkompass.

„Tagesschau.de“ pochte auf das Kunsturhebergesetz: Bildnisse dürften „nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet werden“, zum Beispiel, wenn der „dafür, dass er sich ablichten ließ, eine Entlohnung erhielt“. Ich habe mir vor Lachen in die Jogginghose geschifft. Spaß.

Nein, ich dachte an 1992, Rostock-Lichtenhagen, vor dem brennenden Vietnamesenwohnheim: Harald Ewert hackedicht im DFB-Trikot, mit glasigem Blick den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben, einen korsikaförmigen Fleck im Schritt seiner grauen Jogginghose. Der Fotograf kam zu Geld und Ewert vor Gericht.

Ich hielt sein Porträt bisher für ein rechtmäßiges Dokument der Zeitgeschichte, als vom öffentlichen Interesse gedeckt und die Szene für ein stinklegales Bild von, wie es im Gesetz eben auch heißt, „Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen“. Werch ein Illtum. Der Posterboy des ganz nahen Ostens hätte die halbe Welt verklagen können. Niemand hatte ihn gefragt geschweige denn bezahlt. Jetzt ist er tot.

Pegidist mit Sigmar-Gabriel-Galgen

Müsste dann nicht auch der Pegidist mit dem Sigmar-Gabriel-Galgen verpixelt werden? Gefordert hat das niemand, und er erhielt, hoffentlich, kein Honorar. Oder wieso wirkte das Medienecho eher dezent, als mutmaßliche Facebook-Fremdenfeinde bei „Bild“ am „Pranger der Schande“ standen? Auch das war eklig.

Wer kam bei Ewert auf die Idee, er hätte ein Recht am eigenen Bild oder alles könnte ein Missverständnis sein? Vielleicht hatte er, höhö, nur einen Krampf in der Schulter. Verflixt, so mannigfaltig ist die Belichtung der Unterbelichteten.

Wie schmierig „Bild“ im Zweifelsfall auch sein mag: Meiner unqualifizierten Meinung nach war die ruhmreiche Schanzenviertelrevolution ein versammlungsähnlicher Vorgang im Sinne von § 23 KunstUrhG. Zum Trost eines noch, Kevin: Das mit dem Stein muss nicht das Ende sein. Du kannst immer noch Außenminister werden.

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