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Ob Sie mit ihrer Dieseldreckschleuder durch die Stadt tuckern oder ob Sie es sich vorm Ofen bequem machen, ist praktisch egal.

Statt Jamaika-Aus

Das bessere "Wort des Jahres"

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"Jamaika-Aus" ist als Wort des Jahres eine ziemlich langweilige Wahl. Unser Autor hat einen besseren Vorschlag - die Kolumne.

Jedes Jahr die gleiche Nummer: Deutschland wartet, Deutschland zittert und bibbert, auf Deutschland kommt der Hammer zu: das Wort des Jahres. Diesmal ist es ‚Jamaika-Aus‘ geworden, aber wieder sind nicht die richtigen Experten gefragt worden, vor allem ich nicht. Denn ehrlich: Jamaika-Aus ist eine flaue Wahl, eine Rundfunkrat-Entscheidung, wo alle gesellschaftlich relevanten Gruppen beieinander sitzen und sich so lange langweilen, bis die Würfel gefallen sind. Meine Wahl zum Wort des Jahres dagegen hätte ganz anders ausgesehen, mit mehr Biss und Härte, und hier ist es: Komfortkamin.

Okay. Ich sehe keine jubelnden Massen, ich sehe kein nickendes Feuilleton, ich sehe keine Einladung vom Bundespräsidenten zum nächsten Treffen heimischer Intellektueller zur Frage: ‚Wohin, Deutschland?‘, aber ich sehe es klar vor mir: Komfortkamin.

Wenn Sie nun nicht wissen, was das ist oder sein soll, der Komfortkamin, dann hier eine kurze Erklärung: Es sind Öfen, die eigentlich nicht gebraucht werden, weshalb man sie auch so-da-Öfen nennen könnte, weil sie nur so da sind, denn in den Wohnungen gibt es schon eine Heizung und gekocht wird auf dem Induktionsfeld. Tatsächlich gibt es nur einen Grund für die Existenz eines Ofens: die Romantik. Das Prasseln des Feuers. Der Schein der Flamme. Das flackernde Licht. Draußen Schnee, drinnen Heiligabend, jeden Tag.

Das Problem: saumäßige Emissionswerte. Ob Sie mit ihrer Dieseldreckschleuder durch die Stadt tuckern oder ob Sie es sich vorm Ofen bequem machen ist praktisch egal.

Na ja, eigentlich ist der Kamin schlimmer: Dreck, Schmutz, Abgase und Feinstaub gehen ohne Ende durch den Schornstein. In Stuttgart, wo die Luft so dick ist wie der Geländewagen breit, wurde der Komfortkamin darum verboten und Schluss mit der Romantik gemacht.

Die allerdings ist ein sehr deutscher Wesenszug, das halbe Land ist davon befallen: deutscher Wald und grüne Auen, sauberes Wasser und saubere Jugend. Auf Bauernhöfen sagen sich noch Schwein und Huhn Gute Nacht und starren in das Feuer, bis der Wolf hinter dem Ofen einnickt.

So ist es aber nicht: In Sachsen-Anhalt verbrennt ein gefesselter Flüchtling in einer Zelle im Keller einer Polizeiwache, und jahrelang heißt es, er habe sich selbst angezündet. Dann findet der leitende Staatsanwalt heraus, dass es auch Mord gewesen sein könnte, woraufhin der Fall an einen anderen Staatsanwalt wandert, der die Akten schließen lässt.

In Kassel wird ein Kioskbesitzer von Nazis ermordet, während im Hinterzimmer ein V-Mann sitzt, der aber nichts davon mitbekommen haben will, was erwiesenermaßen nicht sein kann.

Kein großer Widerspruch regt sich, die Gesellschaft lässt es den Ämtern durchgehen, der Polizei, Staatsanwaltschaft und dem Verfassungsschutz. Es wirft die Frage auf, ob dieses Land irgendetwas gelernt hat aus dem NSU-Desaster.

Aus der Tatsache, dass eine Realität – eine Mordserie an Migranten, Menschen unter Menschen – nicht als Realität erkannt wurde, weder von den Behörden noch von den Medien. Oder ob es lieber einen riesigen weißen Elefanten, der mitten im Raum steht, ignoriert, um weiter gemütlich vor dem Ofen sitzen zu können, bis man die Demokratie vergiftet hat. Deshalb bleibe ich dabei: Das Wort des Jahres ist Komfortkamin.

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