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Eine auf höchste Effizienz getrimmte Landwirtschaft kommt wohl ohne Giftstoffe nicht aus.

Landwirtschaft

Besser leben ohne Glyphosat

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Der Streit in Berlin über die Zustimmung zu dem Pflanzengift hat eine wichtige Frage verdrängt: Schadet das Gift Umwelt und Natur oder nicht? Der Leitartikel.

Mindestens noch fünf Jahre bleibt das Breitbandherbizid Glyphosat in Europa auf dem Markt. In der entscheidenden Abstimmung Anfang dieser Woche spielte Deutschland das Zünglein an der Waage: Das von der CSU-Spitze gedeckte Ja des Parteimitglieds Christian Schmidt im Amte des Bundeslandwirtschaftsministers gab letztlich den Ausschlag dafür, dass das weltweit verbreitetste Unkrautvernichtungsmittel weiterhin auf Europas Feldern ausgebracht werden darf.

Damit setzte sich Schmidt über das Nein seiner sozialdemokratischen Amtskollegin im Umweltressort, Barbara Hendricks, hinweg, ignorierte Weisungen aus dem Kanzleramt und missachtete die Geschäftsordnung der noch amtierenden Bundesregierung. Die Empörung schlug hohe Wellen, von Vertrauensbruch war die Rede und von einer ernsten Belastung der anstehenden Gespräche für ein schwarz-rotes Bündnis bis 2021.

Allerdings dürfte die Begebenheit dereinst Geschichtsschreibern nicht mehr als eine Randnotiz wert sein. Für die großen Fragen dieser Zeit spielt der Hickhack in Berlin im ausgehenden 2017 eine ähnlich bedeutsame Rolle wie der sprichwörtliche Sack Reis in China. Selbst die hitzig diskutierte Frage, ob Glyphosat das Krebsrisiko erhöht, erscheint nachrangig: Die Studienlage ist widersprüchlich, empirische Befunde sind rar, die Krebsgefahr ähnelt nach menschlichem Ermessen jener, die gegrilltem Rindfleisch innewohnt.

Mosaiksteinchen in hochtechnisierter Landwirtschaft

Anders verhält es sich mit den Konsequenzen für Umwelt und Natur. Es handelt sich bei der Zulassungsverlängerung nicht bloß um einen technokratischen Akt, sondern um eine Grundsatzentscheidung. Sie gilt einer Landwirtschaft, die die Ernährungsprobleme der Welt zu lösen verspricht; die mit Hightech auf dem Acker höchste Ernteerträge verheißt; die daher alternativlos erscheint, wenn zur Mitte des Jahrhunderts bereits zehn Milliarden Menschen satt werden sollen.

Computergesteuerte Landwirtschaftsmaschinen analysieren Böden, bringen bedarfsgerecht Dünger, Insektenvernichtungsmittel und Herbizide aus, setzen Bewässerungsanlagen in Gang. Genveränderte Feldfrüchte und Getreidesorten widerstehen bösartigen Schädlingen, überleben selbst anhaltende Trockenphasen und sind resistent gegen Agrargifte, die ihrerseits ertrag-mindernde Lebensformen ausmerzen. Übrig bleibt allein die gentechnisch optimierte Nutzpflanze. Beim „Global food summit“, dem Branchentreff der Agrar-Unternehmen 4.0 in Berlin, überbot man sich am Donnerstag mit kühnen Zukunftsentwürfen zur Ernährung der Welt. Tenor: Nur eine hochtechnologische Landwirtschaft entbindet uns von Unwägbarkeiten der Natur und garantiert Lebensmittel für alle, heute wie in 30 Jahren.

Glyphosat wirkt wie eine Massenvernichtungswaffe

In diesem Szenario spielt Glyphosat eine wichtige Rolle. Es wirkt wie eine Massenvernichtungswaffe, die alle natürlichen Grünpflanzen tötet. Daher kommt die Substanz, von der im laufenden Jahr weltweit erstmals mehr als eine Million Tonnen hergestellt wurden, vornehmlich kurz vor der Aussaat sowie nach der Ernte zum Einsatz. Was unbefugt auf Bauers Krume wächst, stirbt ab, die Nutzpflanzen gedeihen ohne Konkurrenz. Es geht aber noch weiter: Praktischerweise bietet der Marktführer Monsanto, den die Leverkusener Bayer AG für 66 Milliarden Euro übernehmen will, gentechnisch veränderte Sojapflanzen an, die gegen Glyphosat unempfindlich sind. Mittlerweile widerstehen 85 Prozent aller Gen-Pflanzen, die weltweit angebaut werden, verschiedenen Herbiziden. Darunter befindet sich fast immer Glyphosat. Die Substanz ist mithin Repräsentant einer Agrarindustrie, die viel verspricht – und nichts davon wird halten können.

Gentechnisch veränderte Pflanzen mögen die Abhängigkeit von Wetterkapriolen verringern, aber sie schaffen neue: Ihre Samen sind unfruchtbar, so dass die Bauern jedes Jahr neues Saatgut von Biotech-Unternehmen wie Monsanto kaufen müssen. Dem Konzern geht es (wie anderen) erkennbar nicht um Weltenrettung, sondern um Profit. Selbst das wäre nicht so schlimm, wenn Breitbandherbizide wie Glyphosat lediglich Ackerwinde, Giersch und Co. zu Leibe rückten. Tatsächlich vernichten sie aber hochkomplexe Lebensräume: Mikroorganismen, Würmern und Kerbtieren wird die Existenzgrundlage entzogen, es folgen Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Amphibien. Während sich in einem Kubikmeter gesunden Mutterbodens mehr Kleinstlebewesen finden als es Menschen auf der Erde gibt, gleichen Glyphosat-Äcker biologischen Wüsten.

Die ersten gravierenden Folgen – Insektenschwund, Vogelsterben, Grundwasserbelastung – sind nicht mehr zu übersehen. Wohlverstanden handelt es sich dabei um Warnsignale: Eine Landwirtschaft, die die totale Unterwerfung der Natur voraussetzt, muss auf Dauer scheitern. Eine Agrarindustrie, die bedenkenlos Biotope vernichtet, deren Wert nicht im Ansatz verstanden ist, offenbart eine unheilvolle Mischung aus Gier und Größenwahn. Die Welt braucht eine Landwirtschaft, die nicht gegen, sondern im größtmöglichen Einklang mit der Natur funktioniert, um einst zehn Milliarden Menschen ernähren zu können. Eine Landwirtschaft ohne Glyphosat.

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