+
Polizeifahrzeuge in der Bogenstraße oberhalb des Restaurants "Kiepenkerl". Im Hintergrund die Münsteraner Lambertikirche.

Amokfahrt

Besonnenes Münster

  • schließen

Nach der Amoktat lassen sich die westfälische Stadt Münster und ihre Bewohner nicht nervös machen. Daran sollten sich andere ein Beispiel nehmen. Ein Kommentar.

Münster war immer ein besonderes Pflaster. Schön ist es da. Konservativ-katholisch ist es ebenfalls – und liberal zugleich. Vor allem wirkt die 300.000-Einwohner-Stadt auf Außenstehende wohlhabend, geradezu reich. Wer durch ihr Zentrum läuft, der findet dort eine selten gewordene Bürgerlichkeit vor. Soziale Probleme findet er nicht.

Der Schein trügt natürlich in Teilen – wie jeder Schein trügt und jede Vorderseite eine Rückseite hat. Hinterm Bahnhof sieht es anders aus. Und doch ist Münster eine Stadt, die mehr als andere in sich selbst ruht. Das zeigte sich auch am Samstagabend.

Sicher, im weltweiten Netz tobte zeitweilig wieder der Wahn. Die AfD-Frau Beatrix von Storch sehnte sich augenscheinlich danach, dass die Täter muslimische Fanatiker sein mögen, damit sie und ihresgleichen ein Hasssüppchen daraus kochen könnten.

Islamisten bekommen mehr Aufmerksamkeit

Der Grüne Cem Özdemir hat dazu alles Nötige geschrieben: „Jetzt, wo der Täter in Münster offenbar Deutscher war und keinen islamistischen Hintergrund hatte, sind manche von rechts außen geradezu enttäuscht. Das ist genauso krank wie Islamismus. Man trauert um jedes Opfer, wenn man Mensch ist!“

Das ist allerdings nicht immer in gleicher Weise der Fall. Islamisten, zumal mit Migrationshintergrund, können mit mehr Aufmerksamkeit rechnen als ein deutscher Amokläufer mit psychischen Problemen. Im ersten Fall gibt es Sondersitzungen und -sendungen, im zweiten eher nicht. Dieser Mechanismus, der auch beim Amoklauf in München im Sommer 2016 zu beobachten war, hat mit Ängsten zu tun, aber auch mit Ressentiments, die weniger ehrbar sind.

Umso mehr ist Münster ein positives Beispiel. In den sozialen Netzwerken wurde weniger spekuliert als in München. Es wurde auch weniger gehetzt. Hingegen folgten binnen Minuten rund 300 Menschen einem Aufruf zum Blutspenden – viel mehr, als die Uni-Klinik bewältigen konnte. Die Polizei informierte professionell.

Das alles hat mit kollektiven Lernprozessen zu tun. Anschläge und Amoktaten finden in Zeiten von Twitter unter Livebedingungen statt. Dabei gehen Informationen, Emotionen und affektiver Meinungskampf ineinander über. Gefragt ist die Kunst der Beherrschung – auch der Selbstbeherrschung. Bei allen Beteiligten.

Dass von dieser Selbstbeherrschung am Samstag viel zu sehen war, darf die Universitätsstadt sich gutschreiben. Denn Gewalt aller Art trifft uns ja auch deshalb so empfindlich, weil wir eine nervöse Gesellschaft geworden sind. Münster, so scheint es, ist nicht nervös. Da darf man ruhig mal neidisch werden.  

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare