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Letzte große Ehre für Helmut Kohl: Mit einem historischen Trauerakt hat Europa Abschied von einem seiner bedeutendsten Staatsmänner genommen.

Trauerfeier für Helmut Kohl

Berührende Appelle

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Viel wurde im Vorfeld über den europäischen Trauerakt für Helmut Kohl diskutiert. Vor Ort zeigt sich: Es war die richtige Entscheidung - trotz viel Pathos und einer etwas hölzern wirkenden Angela Merkel. Kommentar.

Vielleicht waren wirklich Ärger und Verbitterung die treibende Kraft. Vielleicht hatte der europäische Trauerakt für Helmut Kohl auch einen sehr eigennützigen, eitlen Hintergrund: den, das Denkmal für den Altkanzler zu polieren, auch noch den letzten Rest vom Spendenkanzler und Birne-Karikatur hinfortzuwischen, was im internationalen Rahmen besser gelingen mag als im nationalen.

Gut möglich, dass es reizvoll erschien, Kohl durch eine Premiere noch im Tod Einmaligkeit zu bescheinigen.

All das ist nicht unwahrscheinlich. Und dennoch: Es war die richtige Entscheidung, Helmut Kohl durch einen europäischen Trauerakt zu verabschieden.

Es ging im Europäischen Parlament, um diesen mächtigen mit einer europäischen Fahne bedeckten Sarg herum, nicht nur um eine Person. Es ging auch um eine politische Botschaft, und die wurde nicht nur pflichtgemäß sondern sehr eindrucksvoll gesetzt.

Redner nach Redner erinnerte an die Bedeutung der europäischen Einigung, an den Wert der Zusammenarbeit und den Mühen auf dem Weg, das gegenseitige über Generationen gepflegte Misstrauen zumindest im Ansatz zu überwinden.

Viel Pathos

Herzlich zugewandt tat dies EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.

Der frühere spanische Ministerpräsident Felipe Gonzales bezeugte die Möglichkeit politischer Freundschaft über Parteigrenzen hinweg, der ehemalige US-Präsident Bill Clinton nahm mit Hinweisen auf Kohls Essenslust etwas Schwere, ausgerechnet der jüngste Redner, Frankreichs Präsident Francois Macron übernahm das Staatstragend-Formelle. Russlands Premier Dimitri Medwedjew verneigte sich, Bundeskanzlerin Angela Merkel blieb ein wenig hölzern zurückhaltend.

Die zwei Stunden in Straßburg waren mit viel Pathos gefüllt, aber die Appelle konnten zu Herzen gehen. Im Publikum saßen die britische Premierministerin Theresa May, die ihr Land aus der EU führen will, und das EU-Sorgenkind, Ungarns Ministerpräsident Victor Orban.

Es ist zu wünschen, dass sie – aber nicht nur sie - die Trauerfeier nicht nur als Termin absolviert haben, sondern zugehört und sich berühren haben lassen. Und dass damit eine neue Begeisterung für Europa ausgelöst.

Ein Trauerakt in Deutschland, mit seinem klar nationalen Rahmen, hätte diese Chance weit weniger geboten.

Helmut Kohl hätte damit noch im Tod etwas erreicht.

Dass er den Versöhnungs- und Aussöhnungsgestus, für den er erinnert werden wollte, weder auf die eigene Familie noch auf innenpolitische Gegner angewandt hat, bliebe dann eine – wenn auch höchst bedauerliche – Fußnote.

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