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Frau im Mittelpunkt: Lone Scherfig (M), dänische Regisseurin, während der Pressekonferenz zum Film "The Kindness of Strangers".

Leitartikel

Endlich Frauensache

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Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat die Zahl der weiblichen Filmemacher bei dem Filmfestival deutlich erhöht. Das ist mehr als angemessen.

Hoteldirektor wolle er am liebsten werden. Das sagte jüngst Dieter Kosslick. Das könne er nämlich gut: Leute empfangen. Nun aber muss der Siebzigjährige erst mal ausziehen aus dem Hotel Berlinale, das fast so alt ist wie er selbst. Er eröffnet heute die 69. Ausgabe als achtzehnte und letzte seiner Amtszeit als Direktor.

Eines hat die Berlinale mit einem Hotel gemeinsam: Sie muss auch mit schlechten Bewertungen überleben. Davon gab es in den letzten Jahren immer mehr: Die Qualität des Wettbewerbs rangiert deutlich unter der Konkurrenz in Cannes und Venedig. Das war im umkämpften Premierenmarkt auch schon früher der Fall, doch unter Kosslick gelang es kaum noch, aus der Not eine Tugend zu machen. Seine Vorgänger hatten immer wieder aus Tausenden von Möglichkeiten die Perlen gesiebt und die Vorboten neuer Trends zu destillieren vermocht.

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Gegründet 1951 auf Initiative eines Filmoffiziers der US-Militärregierung als „Schaufenster der freien Welt“, entwickelte sich die Berlinale in den 60er Jahren aber zur Aussichtsplattform nach Osteuropa. Später sah man in Berlin erstmals die Meisterwerke des jungen chinesischen Kinos. Zhang Yimou, der Hauptvertreter dieser „Fünften Generation“, gewann 1988 den Goldenen Bären mit „Das rote Kornfeld“. Zunächst ein Opfer der chinesischen Zensur, gilt Zhang heute als staatstragender Künstler.

In diesem Jahr ist er mit seinem neuesten Film „One Second“ im Wettbewerb vertreten. Wird das Festival seine Anwesenheit zum Anlass nehmen, etwa über die Grenzen der Meinungsfreiheit in seiner Heimat zu reden? Wohl kaum. Die Berlinale bezeichnet sich zwar als „politisch“, doch es ist eher das konsenssuchende Politikverständnis von „Ein bisschen Frieden“. Das Motto dieses Jahr: „Das Private ist politisch“.

Sieben der 17 Filme im Berlinale-Wettbewerb stammen von Regisseurinnen

Wenigstens in einem wichtigen Punkt ist das Festival diesmal in eine Lücke gesprungen, die von den Platzhirschen andernorts gelassen wurde: Sieben der 17 Wettbewerbsfilme stammen von Regisseurinnen, das entspricht einer Quote von 41 Prozent. Zum Vergleich: In Cannes waren es zuletzt 14 Prozent, in Venedig fünf. Entscheidend ist natürlich allein die Qualität, doch die wird bei weiblichen Filmemachern gerne übersehen. In Venedig waren exzellente Filme von Frauen außerhalb des Wettbewerbs platziert.

Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Berlinale-Direktor Dieter Kosslick

Eine Studie von 2016 sieht den Anteil von Filmhochschulabsolventinnen bei 44 Prozent, den Anteil von in der Filmindustrie beschäftigten Frauen nur bei 24 Prozent. 84 Prozent der öffentlichen Filmförderung flossen demnach in Projekte, die von Männern inszeniert wurden.

Es ist höchste Zeit, dass ein Filmfestival darauf reagiert. Insbesondere in Deutschland, wo ein Großteil der einflussreichsten Filme von Regisseurinnen wie Maren Ade, Valeska Grisebach oder der Wettbewerbsteilnehmerin Angela Schanelec stammen. Nicht zu vergessen Caroline Links vorzügliche Tragikomödie „Der Junge muss an die frische Luft“, die gerade Kassenrekorde aufstellt.

Einen hundertprozentigen Frauenanteil kann sogar die Berlinale-Retrospektive zur deutsch-deutschen Filmgeschichte aufweisen. Zu den erhofften Gästen von „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“ zählt auch die erste Frau, die seit Leni Riefenstahl in der Bundesrepublik einen Spielfilm drehte, May Spils.

Ihre unsterbliche Komödie „Zur Sache, Schätzchen“ eröffnet die Übersicht über dreißig Jahre weiblich bestimmtes Filmerzählen. Damit nicht genug: Auch die wohl berühmteste Regisseurin der Welt, die 90-jährige Französin Agnès Varda, hat ihr Selbstporträt „Varda by Agnès“ zur Premiere nach Berlin gebracht – und zeigt Cannes damit eine lange Nase. Dabei dürfte auch nicht ganz unwesentlich sein, dass die Jury in diesem Jahr von der grandiosen Schauspielerin Juliette Binoche geleitet wird.

Wenn eine neue Wertschätzung weiblicher Filmschaffender also Dieter Kosslicks Vermächtnis sein soll, sehr gern. Immerhin war er in den frühen Achtzigern bei Hamburgs Erstem Bürgermeister Hans-Ulrich Klose einmal Pressesprecher der Leitstelle für die „Gleichstellung der Frau“.

Sein Nachfolger-Duo wird da kaum zurückrudern können. Was überhaupt ist von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek zu erwarten? Chatrian hat als Direktor von Locarno ein vorsichtig-innovatives, aber auch glamourfernes Programm gemacht. Das wird sich noch steigern lassen.

Mariette Rissenbeek war auf Festivals dagegen zwar oft, aber nie programmgestaltend tätig. Sie ist eine führende Lobbyistin der deutschen Filmindustrie. Aber auch ihre Berufung hat etwas mit Kosslicks Erbe zu tun – man wollte wieder einen wirtschaftlich geschulten Filmförderer in einer Leitungsfunktion wissen.

Filmliebhaber und Kunstfreunde sehen diese Tendenz derzeit allenthalben: Die Zeit der großen Visionäre an der Spitze von Kulturfestivals ist vorbei. Die Politik geht lieber auf Konsenskurs. Es ist lange her, dass moderne Kunst für das Gegenteil stand. „Ein großes Kunstwerk ist immer ein Schock“, soll der Künstler Alexej von Jawlensky einmal gesagt haben. Vielleicht sollte man nach hundert Jahren wieder einmal daran denken.

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