Berlin

Be, be, be, Berlin!

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Aus Schlechte-Laune-Klischees wollen die Berlin-Vermarkter Hipness melken – zum Fremdschämen. Die Kolumne.

Es war kein Zufall, dass das Wort „fremdschämen“ 2009 in den Duden aufgenommen wurde. Im Jahr davor hatte in Berlin die offizielle Imagekampagne „be Berlin“ begonnen und einem mit Sprüchen wie „Sei Stadt, sei Wandel, sei Berlin“ die Röte ins Gesicht getrieben. Die Strategie war, den Mangel objektiver Vorzüge dieser Stadt dadurch wettzumachen, dass in den „be-Berlin“-Sprüchen angeblich das Volk zu Wort komme. Dabei würde niemandem ohne Bezahlung einfallen, „Sei Kiez, sei Kult, sei Berlin“ zu sagen.

Die Website gibt es noch immer. Und da auf der Startseite aktuell der kleine, an der Beuth-Hochschule entwickelte Roboter Myon dabei zu sehen ist, wie er an einem Biertisch sitzt und per Sprechblase sagt: „Servus München – knorke hier zu sein“, weiß man, dass sich die Dinge nicht verbessert haben. Myon war, erfährt man, Mitte Juni mit dem „Pop-up-Lab“ in München und hat für die Kreativität der Berliner Wissenschaft geworben. Pop-up-Lab? Blush!

Jetzt gibt es eine Neuauflage des Versuches, Stadtidentität zu schaffen, und wieder müssen die Berliner und Berlinerinnen ran. Diesmal erfolgt die Initiative im privaten Gewand einer Berlin Code Vermarktungs GmbH & Co. KG, und weil in der Zwischenzeit Facebook in und wieder out wurde, aber trotzdem an der Börse ist, heißt die dazugehörige Seite .

Genauer lautet die Aufforderung: B like Berlin, also nicht mehr „Sei Berlin“, sondern etwas zurückhaltender „Sei wie Berlin“, und die Sache ist zeitgemäß als Umfrage deklariert, an der man mit Namen und Gesicht teilnimmt, die aber auch offen ist für anonyme Notizen. „Woher weißt du, dass du Berliner bist?“ – „Was sind Berlins drei Grundwerte?“ – „Was dürfen Berliner niemals tun?“ Aus den Antworten soll der im Firmennamen erwähnte Berlin Code erstellt und Ankommenden am Bahnhof und am Flughafen als Buch in die Hand gedrückt werden. Weil man diese Stadt sonst nicht versteht? Blush (schon wieder ...)!

The Bosshoss etwa freuen sich über „Chaos, Freiheit, Offen 24 h“, aber die meisten Antworten sind kokett defätistisch. „Hektisch, alles gleichzeitig, kaputt, aber läuft“, „Niemals Geld verdienen“ oder „Wenn keiner die Straßenregeln beachtet“  ... Shabbyshabby Hauswarts-Charme eben, für den diese Stadt vor allem bekannt ist: Wie geht’s? Muss ja!

Es bleibt die Frage, was noch bedrückender sein könnte als der Versuch, aus Schlechte-Laune-Klischees für den Gebrauch auf Bahnhöfen und Flughäfen Hipness zu melken. Vielleicht die Bemühung, mit Mitteln des Behördendeutsch die Sicherheit und Moral auf den Autobahnen zu heben? „Hektik, kein guter Begleiter“ warnt derzeit eine Anzeigentafel auf dem Berliner Ring. Wie wahr. Aber natürlich weit entfernt von der spätestens seit Allen Carrs Buch „Endlich Nichtraucher!“ allgemein bekannten Einsicht, dass das Unbewusste keine Verneinung kennt und also nur die Begriffe „Hektik“ und „Begleiter“ ins Gemüt sickern. Durch nichts aber lässt sich die gut gemeinte Breitseite toppen, mit der Berlin seine autofahrenden Besucher und Bewohner diesseits der Stadtgrenze empfängt: „Schon 8 tote Fußgänger – Vorsicht!“. Ja, Sie könnten der nächste sein. Oder diesen alsbald an der Windschutzscheibe kleben haben. Nichts wie weg also! Sei fremd, sei schamhaft, sei Berlin!

Petra Kohse ist Autorin.

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