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Benaissa und das Stigma

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Pop und Sex und HIV. Bei diesen Zutaten mochten sich die Beteiligten noch so sehr bemühen, ein Spektakel zu vermeiden. Der Prozess musste an Tabus und Grenzen rühren.

Von Thomas Wolff

Täter und Opfer muss das Gericht in einem Strafprozess am Ende klar benennen. Im Fall Benaissa gilt mit dem gestern gesprochenen Urteil die Sängerin eindeutig als Täterin, verurteilt zu einer Bewährungsstrafe wegen vollendeter gefährlicher Körperverletzung. Als Opfer dürfen sich nach dieser Prozess-Logik die Männer fühlen, mit denen die Verurteilte ungeschützten Sex hatte, ohne ihnen von ihrer HIV-Infizierung zu erzählen. Dürfen Sie?

Wie trennscharf sich Täter und Opfer in dieser Frage wirklich definieren lassen, das ist eine Frage, die nun außerhalb des Gerichtssaals weiter diskutiert werden sollte. Und da kann man, ohne die Terminologien des Strafrechts zu verwerfen, durchaus zu anderen Ergebnissen kommen.

Schon am ersten Prozesstag hatte Benaissa selbst in ihrer Einlassung klug auf diese Frage angespielt. Sie habe bei ihren wechselnden Liebschaften stets auf die Mitverantwortung des jeweiligen Partners vertraut – Betonung auf Partner; darauf also, dass alle Beteiligten, bevor sie miteinander ins Bett steigen, wenigstens kurz das Benutzen von Kondomen erwägen, zur Verhütung wie zur Abwehr einer möglichen Infektion. Dass sie ihren Eigenanteil an der Verantwortung vernachlässigte, das sei eben ihr großer Fehler gewesen.

Das war es zweifelsfrei. Aber war es nicht auch der Fehler ihrer Sexpartner, es drauf ankommen zu lassen? Hätten die sich nicht die gleichen Gedanken machen müssen? Wir reden hier von Sex im 21. Jahrhundert, von Sex in der schillernden Popbranche, von Sex unter erwachsenen Menschen, die voneinander ahnen, bisweilen ziemlich sicher wissen, wie es um die Promiskuität ihres kurzzeitigen Bettpartners aussieht. Dass jeder Einzelne da die simpelsten Schutzmaßnahmen praktizieren sollte, muss heute selbstverständlich sein. Die Verantwortung dafür immer und immer wieder auf die Frau abzuschieben, ist dagegen ein Verhaltensmuster aus der Steinzeit; dem freilich fast alle Männer auch heute folgen, wenn die Lust sie halt mal überfällt. Die meisten der männlichen Zeugen hatten kein Problem damit, das offen zuzugeben. Täter Frau, Opfer Mann – das ist auch in diesem Fall eine unhaltbare, weil simplifizierende Grenzziehung.

Kommt einem Menschen, der um seine Ansteckungsgefahr weiß, eine besondere Verantwortung zu? Sicher. Dürfen sich alle anderen bequem zurücklehnen und ihre Verantwortung abwälzen? Ganz sicher nicht. Der Prozess gegen Benaissa macht aber klar, aus wie vielen Perspektiven man diese Fragestellung betrachten muss.

Und er macht klar, wie stark das Thema HIV-Infizierung tabuisiert ist. Die Angeklagte erzählte von ihrer diffusen Angst, sich bestimmten Männern zu offenbaren. Warum genau – sie vermochte es nicht zu sagen. Einfache Antwort: aus Angst vor der erwartbaren Stigmatisierung.

Dass Benaissas Fall überhaupt verhandelt wurde, dürfte die Ausgrenzung von HIV-Positiven verstärken. Die Prozessbeteiligten taten zwar alles, um ein Spektakel zu vermeiden. Keine Promi-Zeugen, viele Aussagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Doch schon die Art und Weise, wie die damalige Staatsanwaltschaft die Sache 2009 publik machte, intime Details herumfaxte, sprach einem aufgeklärten Umgang mit dem Thema Hohn. Auch da gibt es eine Mitverantwortung – seitens des Staats: seine Bürger vor Vermutungen, Bloßstellung, Ausgrenzung zu schützen.

Von allen möglichen Seiten, so schilderte es Benaissa dem Gericht sehr eindrücklich, stürzte „Terror“ auf sie ein, als ihre HIV-Infektion öffentlich wurde. Der Staat hat einiges zu diesem „Terror“ beigetragen.

Wer nun in die Diskussion einsteigt, muss gewaltig aufpassen, sich nicht ähnlich töricht zu verhalten. Die Angeklagte jetzt vielleicht als Märtyrerin zu stilisieren – auch das würde die Stigmatisierung letztlich verstärken. Jede Debatte über Infizierte und die Verantwortung des Einzelnen birgt die Gefahr, dass HIV-Positive an den Pranger gestellt werden. Als Unberührbare, zu denen man besser Abstand hält. Ein Dilemma, mit dem Medien sensibel umgehen müssen, diese Zeitung inbegriffen.

Nadja Benaissa, das hat sie klargemacht, braucht jetzt vor allem eines – ihre Ruhe. Man ahnt: Weder ihre Widersacher noch ihre selbst ernannten Verteidiger werden sie ihr gönnen. Wer die Frau aber gerade jetzt, da das Gericht ihr eine Chance zur Neubesinnung gibt, wieder ins Rampenlicht zerrt, der treibt sie zugleich weiter in die Ausgrenzung – und mit ihr Tausende HIV-Positive in Deutschland.

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