+
Bei der zweiten Schwangerschaft ist alles ein wenig anders.

Schwangerschaft

Beim zweiten Mal ist alles anders

Die erste Schwangerschaft veränderte fast alles. Bei der zweiten ist es anders. Ist das normal? Die Kolumne.

Von Sabine Rennefanz

Bei der ersten Schwangerschaft war ich in die ganze Welt verliebt. Ich hätte am liebsten jeden umarmt. Jedes Ultraschall-Bild wurde herumgereicht und bestaunt, selbst von kinderlosen Freunden. Freunde mit Kindern bekamen feuchte Augen, erzählten von früher und wurden nostalgisch. Wenn mich jemand fragte, wie weit die Schwangerschaft fortgeschritten war, wusste ich die Woche, den Tag, die Stunde.

Bei der zweiten Schwangerschaft ist alles ein wenig anders, die große Verliebtheit ist weg. Als mich kürzlich eine Freundin fragte, in welcher Woche ich denn nun sei, fing ich an zu stottern, äh, Woche? Ich weiß, da ist ein Termin in der näheren Zukunft, der mit mir zu tun hat, so ähnlich, wie ich weiß, dass ich irgendwann die Steuererklärung abgeben muss. Niemanden interessiert die zweite Schwangerschaft, las ich in einem Buch. Es gibt auch weniger Geschenke, schrieb eine Freundin. Als ich meiner Mutter sagte, dass ich wieder schwanger sei, meinte sie nur: Oh. Ich schaute sie an, und sie sah auf einmal fünf Jahre älter aus, als hätte sie meine Mitteilung physisch getroffen.

Mein Vater meinte, ich sei doch viel zu alt für ein weiteres Kind. Mein Vater hat die längste Zeit seines Lebens in der DDR verbracht, da galt man mit 26 Jahren als spätgebärend. In meinem Alter bekommt man Enkel, keine Kinder. Mein Vater hat ja recht, ich wäre auch gern wieder 26, möglichst mit der Erfahrung von heute, aber ich benutze offenbar die falsche Anti-Aging-Creme.

Mein Mann sagte, ich hätte mich gefreut, dass der Schwangerschaftstest positiv war, aber das stimmt nicht, er hat sich gefreut, und ich war geschockt. Ich liebte mein erstes Kind doch so sehr, war da noch genug Liebe für ein zweites? Oder muss ich das erste weniger lieben, wenn das zweite kommt?

Es gab nicht viel Zeit zum Nachdenken. Ich war mit dem ersten Kind genug beschäftigt, ich war immer in Bewegung. Kita, Büro, Kinderarzt, Krankenhaus, wieder Kita, ich schien immerzu etwas zu räumen, ausräumen, abräumen, wegräumen, aufräumen, hinterherräumen. Ich trug das Kind in den fünften Stock, obwohl ich nicht schwer heben sollte. Das Kind brachte lauter interessante Viren und Bakterien aus der Kita mit, Hand-Mund-Fuß, Scharlach, Erkältung, Bronchitis, Mittelohrentzündung. Den Viren und Bakterien gefiel es gut bei uns, ich lag dauernd flach. Sehnsüchtig dachte ich an die erste Schwangerschaft. Wo war meine Gesundheit geblieben, wo waren die Hormone, die tollen Drogencocktails? Meine Hebamme sagte, das alles sei völlig normal: „Beim zweiten Kind steht das Wohlbefinden der Mutter leider nicht mehr im Vordergrund.“ Tja.

Manchmal sorge ich mich um die Entwicklung des ungeborenen Kindes. Es heißt, Babys im Mutterleib registrierten feinste Stimmungsschwankungen. Ist schon die Basis für ein gestörtes Verhältnis zum Baby gelegt, weil ich kein Yoga gemacht, ihm keine Gedichte vorgelesen und Musik vorgespielt habe? Bin ich schuld, wenn es später zum Massenmörder wird?

Doch was ist, wenn das gar nicht stimmt? Vielleicht kennt das Baby die mentale Lage der Mutter nicht, und wenn doch, dann ist sie ihm womöglich herzlich egal? Ich habe sogar die Vermutung, dass das in den nächsten Jahren so bleiben könnte. Womöglich die nächsten drei Dekaden.

Sabine Rennefanz ist Autorin.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare