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Vor dem Beginn einer Psychotherapie stehen lange Wartezeiten.

Gastbeitrag

Die Behandlung am Patienten orientieren

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Psychisch erkrankte Menschen brauchen Hilfe ohne rechtliche und bürokratische Hürden. Was die Regierung plant, geht am Bedarf vorbei. Ein Gastbeitrag.

Immer mehr Menschen benötigen aufgrund einer psychischen Krise oder einer schweren psychischen Störung Hilfe und Therapie. Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für betriebliche Fehlzeiten und führen zu deutlich längeren Krankschreibungen als körperliche Krankheiten. Außerdem sind psychische Erkrankungen Hauptursache für den Bezug von Erwerbsminderungsrenten.

Dem gegenüber stehen lange Wartezeiten auf den Beginn einer Psychotherapie, ein deutlicher Anstieg an Behandlungen in psychiatrischen Krankenhäusern, hohe Wiederaufnahmequoten und Versorgungsabbrüche, weil nahtlose Anschlussbehandlungen keine Selbstverständlichkeit sind.

Der Handlungsbedarf ist groß und stellt uns zunehmend vor die Frage: Wie muss ein Versorgungssystem aussehen, das den Menschen mit psychischem Problemen möglichst frühzeitig und unkompliziert Hilfe bietet, und wie kann eine bestmögliche Begleitung der Menschen während einer Krise und in die Gesundung erreicht werden? Klar ist, hier ist noch viel Luft nach oben.

Um Abhilfe zu schaffen, sollte durch den Gesetzentwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetzes eine „gestufte und gesteuerte“ Versorgung eingeführt werden, damit schwer erkrankte Menschen schneller zu einem Termin kommen. Was auf den ersten Blick als Problemlösung daherkam, hatte im Kern jedoch vor allem eins zum Ziel: Zugangshürden zur Psychotherapie für vermeintlich nicht so kranke Patientinnen und Patienten.

Eine solche Regelung geht jedoch am Ziel völlig vorbei und ist in keiner Weise hilfreich für eine niedrigschwellige Versorgung. Durch den breiten öffentlichen Protest konnte sie glücklicherweise im letzten Moment noch verhindert werden.

Nun ist im aktuellen Gesetzentwurf zur Psychotherapeuten-Ausbildungsreform eine modifizierte Regelung für eine berufsgruppenübergreifende, koordinierte und strukturierte Versorgung vorgesehen. Der aktuelle Anlauf von Gesundheitsminister Jens Spahn geht vordergründig auf die bundesweit massive Kritik an seinem ursprünglichen Ansatz ein. Genauer betrachtet, muss er durchaus als alter Wein in neuen Schläuchen verstanden werden.

Statt für die Patientengruppe der schwer und chronisch Erkrankten eine gute Lösung zu finden, fehlt in der jetzt geplanten Regelung wieder jeglicher Patientenbezug. Spahn scheint noch immer nicht verstanden zu haben, dass nicht alle Menschen in Krisen und mit psychischen Erkrankungen in gleicher Weise eine aufwendige koordinierte und strukturierte Versorgung benötigen. Für viele ist es viel entscheidender, möglichst frühzeitig und unkompliziert Hilfe zu bekommen.

Dafür braucht es jedoch vor allem ausreichend ambulante Therapieplätze sowie Angebote der ambulanten Krisenintervention und keine Zugangshürden. Der Gesetzentwurf wäre nicht aus dem Hause Spahn, wäre nicht noch ein Satz hinzugekommen, nach dem der Behandlungsbedarf unter anderem diagnoseorientiert konkretisiert werden soll. Dabei sagen Diagnosen bei psychischen Erkrankungen noch nicht per se etwas über den Behandlungsbedarf aus. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können ganz unterschiedliche Unterstützung bei der Alltagsbewältigung benötigen.

Stattdessen brauchen wir ein Konzept, das eine patientenorientierte und individuell passende Versorgung möglich macht. Während das für viele leicht zugängliche, oftmals auch nur kurzzeitige Hilfen bedeutet, benötigen schwer und chronisch psychisch erkrankte Menschen häufig Versorgungsansätze, die alle Lebensbereiche abdecken: Wohnen in Gemeinschaft oder allein, soziale Teilhabe, Beschäftigung, Hilfen bei der Bewältigung von Krisen sowie psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung.

Hierfür braucht es ein ganzheitliches Konzept und eine angemessene Finanzierung, die eine sektorübergreifende Versorgungsstruktur maßgeblich unterstützt. Psychiatrische, psychotherapeutische und psychosoziale Hilfen sowie psychiatrische Krankenpflege, Soziotherapie und Ergotherapie müssen dafür gleichermaßen und je nach persönlichem Bedarf zugänglich gemacht werden.

Nur so kann unser bisher so fragmentiertes Versorgungssystem auch passgenaue Hilfen anbieten. Wir brauchen Möglichkeiten, die Hilfsangebote zwischen ambulanter und stationärer Behandlung flexibler zu gestalten, feste Ansprechpartner für die Betroffenen und mehr ambulante Krisenintervention und -begleitung, um stationäre Aufenthalte zu vermeiden.

Die Versorgung von psychisch erkrankten Menschen ist eine herausfordernde und für unser gesundheitliches Wohlergehen eminent bedeutende Aufgabe. Es ist Aufgabe der Gesundheitspolitik, endlich dafür zu sorgen, dass nicht länger bürokratische und rechtliche Hürden eine personenzentrierte Versorgung behindern.

Maria Klein-Schmeink ist gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion.

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