Kolumne

Begegnung der besonderen Art

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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So etwas gibt es. Fremde treffen sich, sprechen miteinander - und packen dann ihre erfüllten Klischees wieder ein und gehen auseinander. Die Kolumne.

Eigentlich weckte das Männlein meine Beschützerinstinkte. Seit Tagen war es mir immer wieder über den Weg gelaufen. Es war eher schmächtig, trug einen blauen Arbeitsanzug aus derbem Stoff und schwere Stiefel. Es hatte rote Bäckchen mit feinen roten Äderchen, wie man sie häufig bei Leuten vom Land beobachten kann, die viel an der frischen Luft sind, etwa auf Feldern oder Wiesen mit Schafen. Oder auf dem Meer, doch das schloss ich in diesem Fall aus.

Das Männlein arbeitete emsig. Manchmal jonglierte es eine schwere Schubkarre über ein Brett hinauf auf den Rand eines Containers und schüttete sie dort schwungvoll und polternd aus. Für Menschen wie mich eine zirkusreife Leistung.

Manchmal saß es auch mit einer Tupperdose und einer Thermoskanne auf dem Trittbrett eines Transporters, kaute eine Graubrotstulle und las die „Bild“. Gelegentlich protzt das Leben geradezu mit Klischees. Aber was soll man machen. Irgendeinen realen Hintergrund müssen sie schließlich haben, sonst gäbe es sie ja nicht. Das Männlein war offensichtlich einer dieser Hintergründe.

Das Männlein war scheu. Es schaute sich häufig um, als wähnte es sich verfolgt oder beobachtet, als lauere hinter jeder Ecke eine Gefahr. Befänden wir uns in einem Krieg, hätte man in ihm einen Fallschirmjäger vermuten können, der hinter den feindlichen Linien abgeworfen wurde, um dort inkognito die Lage zu erkunden. Allerdings kennt man Agenten bekanntlich eher als Fassadenkletterer denn als Fassadenverputzer. Diese Möglichkeit scheidet also aus.

Nach etlichen stummen Begegnungen begann ich, das Männlein zu grüßen. Erst mit einem knappen Nicken, dann vernehmlich mit einem „Guten Morgen“. Das Männlein aber warf sofort seinen Kopf in die andere Richtung und lief an mir vorbei.

Bis letzte Woche. Offensichtlich hatte es in ihm gearbeitet. Es wollte es wissen, was auch immer. „Guten Morgen“ schallte es aus ihm heraus, und unversehens befanden wir uns in einem Gespräch. Nein, falsch. Es sprach. Auch falsch. Es sprudelte aus ihm heraus.

Es komme von „da hinten“, etwa 150 Kilometer von hier. Fahre morgens zwei Stunden her und abends anderthalb zurück. Der Verkehr halt. Wie überall in Frankfurt. Es sprach das Wort „Frankfurt“ aus, als müsse er sich jedes Mal dazu überwinden. Etwa, wie wenn ein Zehnjähriger in der Schule das weibliche Geschlechtsorgan benennen soll.

„Frankfurt“. Nie könne es hier wohnen. Keine Parkplätze. Wie könne man denn ohne Parkplätze leben. Zu Hause, da grillten sie immer am Wochenende, sagte es, abrupt das Thema wechselnd. Und sein Schwager habe monatelang an dieser Schule gebaut. Die da oben an dieser Allee, wo sie junge Leute ausbilden, die später viel Geld verdienen, diese Finanzschule, die mit englischem Namen.

Und es selbst, es sei beim Verputzen dieser Wohnanlage dabei gewesen. Die gerade hier um die Ecke, wo früher irgendein altes Krankenhaus stand, wie man ihm erzählte. „Wo sich kein normaler Mensch eine Wohnung leisten kann“, ergänzte ich.

Ja, ja, wegen den Ausländern, meinte dann das Männlein und schaute mich an, als erwarte es Bestätigung. Ich aber sagte „Nee, viele Ausländer sind doch toll.“ Dann packten wir beide unsere erfüllten Klischees wieder ein und gingen auseinander.

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