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Zwei amerikanische Weltkriegs-Veteranen in Ramstein.

Kolumne

Befreiung vom Nationalsozialismus: Anekdoten über Amerikaner in Deutschland

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Zum 8. Mai 1945 gibt es unzählige Anekdoten. Aber auch Dankbarkeit über Befreiung und Demokratie. Und Wut über alle, die das verspielen wollen. Die Kolumne.

Eigentlich könnte ich Dutzende Anekdoten erzählen. Etwa wie die heranrückenden amerikanischen GIs meinen vor der Wehrmacht geflüchteten Opa im Pfälzer Wald aufrieben und mit den Worten „Go home“ wieder heimschickten, wie sie meinem Vater von den Panzern herab Schokolade und Kaugummi zuwarfen, oder – eine besonders aparte Geschichte – wie sich meine Oma Anfang der Fünfziger als Putzfrau bei einem Offizier verdingte. Ein großherziger Mann sei das gewesen, erzählte sie häufig. Sogar Deutschunterricht nahm er, was ziemlich selten war.

Eines Tages (es wird wohl an Thanksgiving gewesen sein), überreichte er der kleinen Oma einen riesigen Truthahn. Eine Sensation! So groß sei das Tier gewesen, dass sie es in Etappen braten mussten, da es nicht in den heimischen Herd passte.

Befreiung vom Nationalsozialismus am 8. Mai: Amerikaner prägten unser Leben in Deutschland

Doch Oma vergaß nie, was der Offizier bei der Geschenkübergabe gesagt hatte: „Woggel“. Mehrfach habe er „Woggel“ gesagt. Oma rätselte jahrzehntelang. Erst als ich selbst Englisch lernte, kam ich darauf: „Vogel“ wollte der gute Mann sagen, doch der Aussprache des Deutschen war er halt nicht besonders mächtig.

Die Amis prägten also unser Leben. Auch zu meiner Kindheit in den Sechzigern waren sie in der Westpfalz allerorten. Sie gehörten wie selbstverständlich zum Stadtbild. Die röhrenden Lastwagen mit dem weißen Stern, die dicken Straßenkreuzer mit dem eigenartigen Abgasgeruch, die gelben Schulbusse, in denen wir Kinder sitzen sahen, mit denen wir nie spielen konnten, da sie in abgetrennten Housings lebten und in eigene Schulen gingen.

Amerikaner in Deutschland: Whisky, Marihuana und Atomwaffen

Dann die jährlichen Tage der offenen Tür auf dem Kasernengelände. Uniformierte Swingkapellen spielten, und riesengroße, ständig freundlichst lachende schwarze Männer grillten an halbierten, ausrangierten Öltonnen Hamburger und verteilten schäkernd Familienpackungen Vanilleeis, das so gottvoll anders schmeckte als in der Eisdiele „Rimini“ oder das Fürst Pückler bei Tante Gertrud. Später versorgten uns die Jungs mit weiteren Wunderlichkeiten wie gigantischen Flaschen Whisky oder Marihuana in einer Qualität, nach der man in den Ballungszentren lange suchen musste. Ja, wir hatten eine schöne Kindheit und Jugend in der vermeintlich so öden Provinz, dank der Amis und ihrer guten Gaben.

Bei all dieser pathetischen Schwelgerei tritt in meinen Erinnerungen beinahe in den Hintergrund, dass uns diese coolen Jungs den Pfälzer Wald mit Giftgas und Atomwaffen vollstopften und die US-Airbase Ramstein zum Ausgangspunkt weltweiter militärischer Terroraktivitäten machten.

8. Mai: Dankbarkeit für Befreiung Deutschlands von sich selbst durch Amerikaner

Deswegen zogen wir denn auch demonstrierend durch die Straßen und blockierten sitzend die Einfahrten zu den Lagern, bis uns deutsche Polizisten wegtrugen oder mit Wasserwerfern wegspritzten.

All das kommt mir in den Sinn, wenn ich höre, dass sich der 8. Mai 1945 zum 75. Mal jährt. Und dann kommt Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass diese Jungs und alle anderen der alliierten Armeen ihr Leben riskierten, um die Deutschen von sich selbst zu befreien.

Und dass sie es damit mir ermöglichten, in einem demokratischen Staat in einem vereinten Europa aufzuwachsen und nicht in einem mörderischen Reich. Und dann, dann kommt Wut. Wut auf jene, die diese historische Errungenschaft aufs Spiel setzen. Aber das ist ein anderes Thema.

Michael Herl ist Theatermacher und Autor.

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