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Der Papst pflanzt einen Baum in Irland. Dort will er auch mit Missbrauchsopfern der Kirche sprechen.

Papst in Irland

Nur Bedauern reicht nicht

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Papst Franziskus spricht in Irland mit Missbrauchsopfern. Die katholische Kirche muss aber mehr tun. Sie braucht eine andere Kultur. Der Leitartikel der FR.

Dieser Besuch ist überfällig. Fast 40 Jahre ist es her, dass zuletzt ein Oberhaupt der Katholiken nach Irland reiste, in ein Land also, das immer noch tief katholisch ist, sich aber radikal modernisiert hat. Papst Franziskus wird in Irland nicht nur frenetisch bejubelt werden. Zu tief sitzt der Schock über die entsetzlichen Missbrauchsskandale, die die Kirche in Irland schon vor Jahren in eine tiefe Krise gestürzt haben. Viele Iren werfen auch Papst Franziskus vor, nicht entschieden genug gegen den Missbrauch vorzugehen, nicht entschieden genug aufklären zu wollen.

In Irland nahm vieles seinen Anfang, was den Vatikan seither in den Grundfesten erschüttert hat. Bereits vor der Jahrtausendwende kam heraus, dass viele irische Priester ihre minderjährigen Schützlinge seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu Tausenden sexuell missbraucht hatten, sie unermesslich gequält hatten. Die Opfer solcher Übergriffe und Misshandlungen leiden ihr Leben lang an den Folgen, sie sind versehrt an Körper und Seele.

Die Täter aber wurden geschützt durch ein System des Verschweigens, des Wegschauens, des Vertuschens. Die katholische Omertà, das Schweigegebot, galt auch im Vatikan, in der Zentrale der katholischen Kirche. Nachdem Journalisten in Boston Hunderte Missbrauchsfälle aufgedeckt hatten, wurde der Erzbischof der Stadt, Kardinal Bernard Law, für seine unrühmliche Rolle mit einem schönen Posten in Rom belohnt. Law konnte sich damit der US-Justiz entziehen, er blieb bis zu seinem Tod in Rom. Es ist nur ein sehr prominentes Beispiel dafür, wie die Kirche in solchen Fällen verfuhr.

Erst als 2009 eine irische Untersuchungskommission einen umfangreichen Bericht vorlegte, der tausende von Fällen dokumentierte, konnte der Vatikan nicht länger schweigen. Das Pontifikat von Benedikt XIV. wurde überschattet von immer neuen Missbrauchsskandalen, die in allen Teilen der Welt bekannt wurden, auch in Deutschland.

Franziskus sieht sich gerne als Reformer

Der Papst aus Bayern war erschüttert über „den Schmutz“, der die eigene Kirche befleckte. Es fehlte ihm aber die Kraft und auch der Wille, konsequent zu handeln. Zwar erließ er strengere Regeln für den Umgang mit solchen Taten, das Schutzsystem aber funktioniert weiter. Nicht zuletzt wegen der Missbrauchsskandale legte Benedikt sein Amt schließlich nieder.

Und sein Nachfolger? Franziskus sieht sich gerne als Reformer, als Revolutionär gar, einer, der Demut vorlebt und den Kapitalismus geißelt. Und kein Papst vor ihm hat sich derart hart über die Täter in den eigenen Reihen geäußert. Gleichzeitig zeigt er aber viel Milde, geht es um enge Vertraute. Bei einem Besuch in Chile nahm er einen schwer belasteten Bischof in Schutz und sprach von Verleumdung. Das Muster ist nur allzu bekannt.

Auch unter Franziskus als Kirchenoberhaupt haben zahlreiche Bischöfe und Kardinäle Karriere gemacht, die im Verdacht stehen, sexuellen Missbrauch vertuscht oder selbst an ihm beteiligt gewesen zu sein. Damit steht er ganz in der Tradition seiner Vorgänger.

George Pell wird trotz Prozess nur beurlaubt

In Australien muss sich sogar ein Kurienkardinal vor Gericht verantworten. Der Papst aber will das Verfahren abwarten und hat George Pell, seinen mächtigen Finanzchef, lediglich beurlaubt. Das spricht nicht gerade für den Aufklärungswillen, der dringend nötig wäre, um dieses dunkle Kapitel endlich umfassend aufzuarbeiten.

Zwar hat Franziskus eine Kommission eingerichtet, die sich des Themas Kinderschutz annimmt. Ihre Vorschläge werden von der Kurie nach Kräften blockiert. Auch ein kircheninternes Tribunal, das über Bischöfe und andere hohe Würdenträger richtet, hat der Papst schon vor Jahren versprochen.

Gängige Praxis ist nach wie vor, beschuldigte Bischöfe und Priester geräuschlos zu versetzen. Immerhin wurden auch etliche entlassen, auch die Zahl der kircheninternen Anzeigen ist gestiegen. Für die Aufklärung ist aber nach wie vor der örtliche Bischof zuständig, in Rom wacht die Glaubenskongregation darüber, dass nicht mehr als nötig bekannt wird. In vielen Fällen verweigert sie die Zusammenarbeit mit den staatlichen Ermittlern und hält Dokumente unter Verschluss.

Will die katholische Kirche ernsthaft Aufklärung betreiben, muss sie endlich ihre Archive öffnen, in jeder noch so entlegenen Diözese, aber auch in Rom. Es geht dabei um die Glaubwürdigkeit einer uralten Institution, der es noch immer wichtiger ist, ihren Ruf zu retten als das Leiden der Opfer zu würdigen. Franziskus wird auch in Irland einige von ihnen treffen, und er wird sicher die richtigen Worte finden. Aber das reicht nicht.

Die Opfer haben weltweit ein Recht auf die Anerkennung ihres Leids, sie haben ein Recht darauf, dass die Kirchenführung in Rom uneingeschränkt die Verantwortung übernimmt für das, was ihnen angetan wurde. Sie muss aber auch endlich dafür sorgen, dass sich eine andere Kultur entwickelt, eine, in der es nicht länger geduldet wird, dass sich ausgerechnet Priester und Bischöfe an Schutzlosen und Kindern vergreifen. Von der „Nulltoleranz“, die Franziskus fordert, ist seine Kirche noch sehr weit entfernt. 

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