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Ein Flugzeug sprüht Pestizide über einem Feld. Aus Argentinien, Paraguay und Brasilien gibt es immer wieder Berichte über Pestizidvergiftungen.

Gastbeitrag

Bayer, Glyphosat und die Folgen

Der Pestizideinsatz der Agrarkonzerne in Südamerika macht Menschen krank. Die deutsche Firma muss Verantwortung übernehmen.

Gebannt hat die Weltöffentlichkeit die Prozesse gegen die Bayer-Tochter Monsanto in den USA verfolgt. In drei bahnbrechenden Urteilen wurde Bayer dort mittlerweile zu hohen Schadensersatzzahlungen verurteilt. Was in den USA nicht zur Sprache kommt, ist die Situation in den großen Agrarländern Südamerikas, wo Millionen Liter Pestizide die Gesundheit vieler Menschen gefährden – doch der Zugang zu Gerichten bleibt ihnen meist verwehrt. Das muss sich ändern. Und der Konzern Bayer muss Verantwortung übernehmen.

Wie sehr die Menschen leiden, zeigt das Beispiel Sabrina Ortiz. Ihr Haus steht am Rande eines Feldes, auf dem Gensoja angebaut wird. Sprühflugzeuge nebeln es regelmäßig mit Unkrautvernichtungsmitteln ein, obwohl sie einen Mindestabstand zu Wohnhäusern einhalten müssten.

Die Argentinierin litt bereits 2011 unter einer Pestizidvergiftung. Ihre Kinder haben chronische Erkrankungen, die Ärzten zufolge ebenfalls auf Pestizide zurückzuführen sind. Auch in anderen Regionen Argentiniens, Paraguays und Brasiliens, wo großflächig Soja angebaut wird, haben uns Menschen von massiven Sprüheinsätzen berichtet. Auch sie haben immer wieder Pestizidvergiftungen. Zudem erzählten uns Ärzte in der Region, dass sich mit steigendem Pestizideinsatz die Häufigkeit von Fehlbildungen bei Neugeborenen, DNA-Schädigungen, Fehlgeburten und Krebserkrankungen erhöht hat.

Wie kommt es zu den Pestizideinsätzen in Argentinien und den angrenzenden großen Agrarländern Südamerikas, die der Schweizer Agrarkonzern Syngenta mit neokolonialem Anspruch als „Vereinigte Soja-Republik“ bezeichnet hat? Hier spielt der US-Saatgut- und Pestizidhersteller Monsanto eine zentrale Rolle.

Sarah Schneider

Das Unternehmen führte massiv gentechnisch veränderte Sojapflanzen in der Region ein. Mit dem Saatgut „Soja Roundup Ready“, das gegen Glyphosat resistent ist, etablierte sich ein Produktionssystem, in dem die Verwendung des umstrittenen Herbizids programmiert ist. Jedes Jahr kommen Millionen Liter Pestizide zum Einsatz. Ein großer Teil davon ist Glyphosat. Ein einträgliches Geschäft – auf das nun der deutsche Bayer-Konzern setzt, seit er vor gut einem Jahr Monsanto übernommen hat.

Erst jüngst hat Bayer seinen Investoren versprochen, den Verkauf von Pestiziden in der Region bis 2022 weiter zu steigern. Heißt das, dass Bayer bereit ist, mit dem Geschäft auch die Verantwortung für die gesundheitlichen Risiken zu übernehmen?

Sabrina Ortiz würde sich das wünschen. Sie setzt sich dafür ein, dass die Verantwortlichen für die Pestizidbelastung in ihrem Viertel zur Rechenschaft gezogen werden. Mit ersten Erfolgen: Mittlerweile ermittelt ein Strafgericht gegen die Besitzer der Sojafelder, die an das Haus von Familie Ortiz und ihren Nachbarn angrenzen.

Simon Rau

Doch gegen die Pestizidfirmen, allen voran Monsanto, gibt es bisher keine Verfahren. Betroffene im globalen Süden, wie Familie Ortiz, sind zwar vergleichsweise stark von den Auswirkungen von Pestizideinsätzen betroffen, können jedoch nicht einfach vor Gericht ziehen wie die Anwender des glyphosathaltigen Unkrautvernichters Roundup, die hinter den erfolgreichen Klagen in den USA stehen. Da sie Dutzenden verschiedener Pestizide ausgesetzt sind, ist es für sie schwieriger zu beweisen, dass ein Gesundheitsschaden durch ein bestimmtes Pestizid von einem bestimmten Unternehmen ausgelöst wurde.

Hinzu kommt, dass eine Schadenersatzklage gegen ein Unternehmen ein hohes Prozesskostenrisiko beinhaltet und sich Familien wie die von Ortiz einen Gerichtsprozess nicht leisten können. In den USA wird das finanzielle Risiko dadurch gemildert, dass große Anwaltskanzleien derartige Verfahren führen.

Doch Sabrina Ortiz gibt nicht auf. Sie hat ein Betroffenennetzwerk mitgegründet und Jura studiert, um Fälle wie den ihren unterstützen zu können. Auch in den Nachbarländern formieren sich soziale Bewegungen. Angesichts der immer deutlicher werdenden negativen Auswirkungen, die der massive Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln mit sich bringt, täte der Bayer-Konzern gut daran, aus der „Sackgasse“ Glyphosat auszusteigen und das Mittel und andere schädliche Pestizide so schnell wie möglich vom Markt zu nehmen.

Sarah Schneider arbeitet bei Misereor als Referentin zu Landwirtschaft und Ernährung. Sie ist Co-Autorin der Broschüre „Ein Jahr Bayer-Monsanto: eine kritische Bilanz“.

Simon Rau war Legal Advisor beim European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). Er ist zur Zeit der Mitarbeit an diesem Beitrag unerwartet verstorben.

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