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Der Klimagipfel in Warschau.
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Der Klimagipfel in Warschau.

LEITARTIKEL zum Klimagipfel

Die Basis muss selbst handeln

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Seit 20 Jahren versuchen Staatsvertreter, globalen Umweltschutz zu verwirklichen. Seit 20 Jahren versagen sie dabei. Auch in Warschau droht nun ein Flop.

Wer sagt denn, dass Klimagipfel nichts bringen? Ein paar tausend Euro haben die 10 000 Teilnehmer der Warschauer Konferenz in dieser Woche für die Opfer der Taifun-Katastrophe gespendet, die just zu Gipfelbeginn über die Philippinen hereinbrach. Münzgeld und meist kleine Scheine steckten sie in Sammelkästen, die eine Hilfsorganisation am Eingang zum Tagungszentrum aufgestellt hatte. Geld, das beim Bezahlen am Kaffeestand übrig geblieben war, polnische Zloty, die die Delegierten nicht mehr brauchen, wenn sie jetzt wieder zurück in ihre 196 Heimatländer fliegen.

Zwei-Grad-Limit ist fast schon Makulatur

Dass es nur ein paar tausend Euro wurden, ist peinlich. Aber das Ergebnis passt perfekt. Nicht für die Opfer der Katastrophe natürlich, für die reichen auch die zig Millionen nicht, die sonst weltweit von Bürgern und Regierungen gespendet worden sind. Aber es passt, weil es ein Sinnbild ist für das Auseinanderklaffen zwischen den hohen Ambitionen der Klimaverhandler und den mickrigen Ergebnissen, die sie zustande bringen.

Seit über 20 Jahren, seit dem Erdgipfel von Rio 1992, arbeiten die Verhandler daran, das Weltklima zu stabilisieren. Die Treibhausgas-Emissionen sollen so begrenzt werden, dass die globalen Temperaturen um nicht mehr als zwei Grad ansteigen. Doch seit Rio ist der CO2-Ausstoß nicht gesunken. Er ist um 61 Prozent angestiegen, und der Zuwachs erreichte im vergangenen Jahrzehnt sogar neue Rekorde, weil die boomenden Schwellenländer wie China das alte Modell der Industriestaaten kopierten: erst reich werden, egal wie, und dann, vielleicht, etwas für die Umwelt tun. Das Zwei-Grad-Limit ist fast schon Makulatur, wir sind auf dem Pfad Richtung drei oder vier Grad. Das wäre die „Klima-Katastrophe“, von der Taifun Haiyan nur einen Vorgeschmack gibt.

Der Warschauer Gipfel beschäftigte sich mit dem Umrücken der Stühle auf der Titanic. Es gab ein Geschacher um Zeitpläne, Prozeduren und „Mechanismen“, man weigerte sich, konkrete Zusagen zu machen. Dass die Industrieländer Australien und Japan die Plattform nutzen, um ihre nicht einmal ausreichenden CO2-Ziele in die Tonne zu treten, vergiftete das Verhandlungsklima; die Entwicklungsländer fühlten sich düpiert. Und all das fand auch noch in einem gespenstischen Setting statt.

Gipfelgastgeber Polen hatte Energie- und Industriekonzerne eingeladen, als Sponsoren für den Klimagipfel aufzutreten, hofierte gar die Kohlebranche. Jeder konnte sehen, was vorher eher verdeckt ablief: Die Verschmutzerindustrien, deren Zukunft bei einem ambitionierten Klimaschutzregime bedroht wäre, geben den Ton an: Sie sagen den Regierungen, wo es langgeht. Hätten Greenpeace und Co mit ihrem demonstrativen Auszug aus der Konferenz nicht die Reißleine gezogen, die Farce wäre perfekt gewesen.

Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Der Warschauer Klimagipfel freilich hat sie schon mal ins Koma befördert. Es ist eine bittere Erkenntnis: Die Chancen, dass 2015 endlich ein neuer globale Klimaschutz-Vertrag mit radikalen Zielen entsteht, das „Paris-Protokoll“ als Nachfolger für „Kyoto“, sind mit dem Warschauer Debakel stark gesunken. Das Abkommen sollte eigentlich schon auf dem Kopenhagen-Gipfel 2009 stehen. Doch ein erneuter Flop droht. Und nun? Resignation? Geht nicht. Die Welt kann sich Resignation bei diesem Thema bekanntlich nicht leisten. Die einzige Chance ist es, den Klimaschutzprozess von unten neu aufzubauen. Es gibt Vorreiterländer, deren Modell weltweit den Trend setzen wird, wenn es denn funktioniert. Deutschland mit seiner „German Energiewende“ ist vielleicht das wichtigste.

Gesetze gegen schmutzige Kohlekraftwerke

Hoffnung macht ausgerechnet auch China, inzwischen mit 27 Prozent am globalen CO2-Ausstoß oberster Einheizer der Welt. Das Land investiert gewaltig, um die globale Nummer eins bei Wind- und Solarenergie zu werden, und es gibt Anzeichen, dass es seinen Kohle-Ausbaukurs zumindest bremst. Nicht nur wegen des Klimas, sondern vor allem, weil die Luft in Chinas Metropolen sonst endgültig unatembar wird. Und sogar die USA, notorische Energieverschwender und Klimakiller, fahren plötzlich ihren CO2-Ausstoß herunter. Nicht nur mit dem umstrittenen Fracking-Erdgas, sondern auch mit Gesetzen gegen schmutzige Kohlekraftwerke und für sparsamere Autos.

Das alles sind keine Selbstläufer. Nicht nur in Deutschland, von Australien über China und Japan bis USA, tobt aktuell eine gewaltige politische Schlacht um den Umbau der Energiesysteme. Die „alten“ Energiekonzerne und Industrien kämpfen dagegen oder wollen ihn, wo er Regierungslinie ist, zumindest verlangsamen. Die NGOs, die in Warschau ausgezogen sind, haben erkannt: Es gibt nur eine Chance, sie und die Politiker, die ihre Wünsche erfüllen wollen, aufzuhalten: mit einer Mobilisierung der Zivilgesellschaft in den eigenen Ländern – so wie in Deutschland nach Fukushima. Ob ihnen das gelingt, ist die entscheidende Frage.

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