Finanzsystem

Banken als Klimaretter

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Das Finanzsystem spielt bei der Frage, ob die Katastrophe noch abzuwenden ist, eine wichtige Rolle. Die Politik muss hier klare Regeln setzen.

Vom deutschen Dürresommer bis zu den Waldbränden Kaliforniens – die Folgen des menschengemachten Klimawandels sind sichtbarer denn je. Wir destabilisieren unser Erdsystem und treiben die Risiken in die Höhe. Die sogenannten Kipp-Punkte rücken näher, wenn wir nicht sofort unseren Ausstoß von Treibhausgasen aus fossilen Brennstoffen zügig reduzieren und bald beenden.

Als Kipp-Element wird ein überregionaler und lebenswichtiger Teil des Klimasystems bezeichnet, der lange Zeit unbeeindruckt vom menschlichen Naturfrevel erscheint, bevor er dann durch eine geringfügige zusätzliche Störung in einen neuen Zustand schwingt – oder sogar kollabiert. Und zwar, zumindest nach erdgeschichtlichen Maßstäben, sehr rasch und praktisch unumkehrbar. Dabei kann ein Kipp-Ereignis im planetarischen Gefüge weitere auslösen und damit dramatische Folgen für das Gesamtsystem bewirken.

Ähnliche Vorgänge gibt es auch im Finanzsystem. Vor zehn Jahren ging das Investmenthaus Lehman Brothers pleite. Dies wurde ausgelöst durch das Kippen eines anderen Elements, nämlich des US-Immobiliensystems, das durch eine Flut an faulen Krediten in die Krise geraten war. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers infolge entsprechender Milliardenabschreibungen löste wiederum eine fatale Kettenreaktion an den globalen Finanzmärkten aus, deren Folgen noch heute spürbar sind.

Wachstum galt bisher als bewährtes Mittel zur Überwindung von Finanzkrisen, die auf die reale Wirtschaft durchschlagen. Dabei wurden allerdings die einschränkenden Rahmenbedingungen ignoriert, obwohl eigentlich längst klar war, dass wir irgendwann die Belastungsgrenzen unseres Planeten überschreiten würden. Der Klimawandel zeigt nun auf dramatische Weise, wie sehr sich diese Ignoranz rächen kann. Wegen der atmosphärischen Grenzen des Wachstums versagt das Wundermittel gegen Krisen aller Art.

Die Industrienationen sind die größten Ressourcenverbraucher und gleichzeitig die größten CO2-Emittenten weltweit. Daher tragen sie auch die größte Verantwortung für unsere Erde. Unser wirtschaftliches Handeln muss dringender denn je innerhalb der planetaren Grenzen stattfinden. Die Verantwortung hierfür liegt ganz besonders bei den Entscheidungsträgern unseres Finanz- und Wirtschaftssystems, die ja mit Recht stolz auf ihre Kompetenz und ihre Wirkmacht sind.

Klimaverträglichkeit zur Grundlage von Entscheidungen über Investitionen und Kreditvergaben zu machen, ist von strategischer Bedeutung und darf deshalb nicht nur den Nachhaltigkeitsbeauftragten der Institute überlassen werden. Klimabewusstes Handeln muss Teil der Kernmission und Finanzmarktakteure werden; jeder Vorstand trägt Mitverantwortung für eine Strategie im Einklang mit den im Rahmen des Pariser Abkommens festgehaltenen Klimazielen und den „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen. Nicht zuletzt, weil die Nichtberücksichtigung der Nachhaltigkeit bei Investitionen und Kreditvergaben zur nächsten großen Blase auf den Kapitalmärkten führen kann.

Fließt das große Geld weiter in klimaschädliche Anlagen und Unternehmen, während die Welt sich im Kampf gegen die Klimakrise von ihnen abkehrt, so verlieren diese Investitionen rapide an Wert. Die sogenannte Carbon Bubble kann platzen und das ganze System zum Wanken bringen. Wer  daraus den zynischen Schluss zieht, die Welt möge einfach weitermachen mit dem Ausstoß von Treibhausgasen, der sei gewarnt: Auch in diesem Fall würden Investitionen entwertet, möglicherweise vollständig. Weil der ungebremste Klimawandel mit fünf bis sechs Grad höheren Temperaturen und langfristig bis zu 60 Meter Meeresspiegelanstieg schlichtweg die Grundlagen unserer Zivilisation vernichten würde. Auf einem toten Planeten gibt es weder Jobs noch Profite.

Deshalb ist auch die Bundesregierung aufgefordert, das Finanzsystem auf den Umbau der Realwirtschaft auszurichten. Wichtig ist die Etablierung von Regularien für mehr Transparenz zur Klimaverträglichkeit bei Investitions- und Kreditentscheidungen.

Die Lehman-Krise hat uns gelehrt, was unzureichende Rahmenbedingungen für den Markt bewirken. Mit dem Bericht der „High Level Expert Group on Sustainable Finance“ vom Januar 2018, dem Aktionsplan für die Finanzierung nachhaltigen Wachstums vom März 2018 und dessen ersten legislativen Umsetzungsvorschlägen Ende Mai rückt auch die EU-Kommission die Nutzung des Finanzsystems als wichtigen Hebel gegen eine Klima- und Finanzkrise in den Blick. Es gerät etwas in Bewegung im Finanzsektor.

Hans Joachim Schellnhuber ist Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK).

Eberhard Brandes ist Geschäftsführender Vorstand beim WWF Deutschland.

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